Es ist ein Bild, das man eher aus Kriminalromanen kennt als aus dem Alltag eines europäischen Technologieunternehmens. Einschusslöcher in Glasfassaden, zersplitterte Fenster, Polizeipräsenz vor einem Bürogebäude. Und drinnen Menschen, die eigentlich nur arbeiten wollen. In Marseille ist genau das schon zum zweiten Mal Realität geworden.
Am ersten Januarwochenende geriet erneut ein Standort des Telekommunikationskonzerns Orange ins Visier von Tätern mit Schusswaffen. Das Gebäude liegt im nördlichen Stadtgebiet von Marseille, im Viertel Saint-Mauront – einem Namen, der bei Polizei und Justiz seit Jahren Alarmglocken schrillen lässt. Eine Kugel durchschlug sogar das Fenster eines Besprechungsraums. Zehn Einschläge wurden gezählt. Dass niemand verletzt wurde, grenzt an ein kleines Wunder.
Am Dienstag darauf stand das Areal unter erhöhter Überwachung. Polizeifahrzeuge, Absperrungen, uniformierte Präsenz. Und dennoch öffnete der Standort wie gewohnt. Rund tausend Beschäftigte kehrten an ihre Arbeitsplätze zurück. Manche mit angespanntem Blick, manche mit offener Sorge. Einer von ihnen brachte es gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Sender France 2 auf den Punkt: Man fühle sich nicht sicher. Kugeln am Arbeitsplatz – das sei kein Zustand, den man einfach hinnehme. Und schon gar nicht, wenn es nicht das erste Mal ist.
Denn dieser Vorfall steht nicht für sich allein. Bereits im Dezember war der Standort für zwei Wochen geschlossen worden. Damals hatten sich rivalisierende Drogengruppen in unmittelbarer Nähe des Gebäudes gegenübergestanden und Schüsse das Bürogebäude getroffen. Die Gefahr einer bewaffneten Auseinandersetzung galt als zu hoch. Jetzt, nur wenige Wochen später, sind aus Drohkulissen wieder reale Schüsse geworden.
Saint-Mauront gehört zu jenen Vierteln Marseilles, in denen der Drogenhandel längst Teil der sozialen Realität ist. Dealpunkte wechseln, Netzwerke zersplittern, neue Allianzen entstehen. Was bleibt, ist Gewalt. Die Kalaschnikow hat in manchen Straßenzügen den Platz der Argumente eingenommen. Dass ein Unternehmensstandort in diese Dynamik hineingezogen wird, zeigt, wie sehr sich die Grenzen zwischen organisierter Kriminalität und zivilem Leben verwischt haben.
Der betroffene Standort von Orange liegt nur wenige Meter von einem bekannten Umschlagplatz für Drogen entfernt. Für die Polizei kein Geheimnis, für die Beschäftigten seit Langem ein ungutes Gefühl. Jetzt hat sich dieses Gefühl materialisiert – in Form von Einschusslöchern in Beton und Glas.
Die Unternehmensführung verweist darauf, dass das Gebäude zum Zeitpunkt der Schüsse leer gewesen sei. Das ist korrekt. Beruhigend wirkt es dennoch kaum. Denn die Kugeln haben nicht zwischen Arbeitszeit und Wochenende unterschieden. Sie haben gezeigt, wie dünn die Schutzschicht ist, die Arbeit und Gefahr voneinander trennt.
In der Belegschaft wächst der Unmut. Die Gewerkschaften fordern eine Verlegung der Mitarbeiter an andere Standorte innerhalb der Stadt. Besonders deutlich äußerte sich ein Vertreter der Gewerkschaft CFE-CGC. Seine Worte hallen nach, weil sie eine Frage stellen, die man ungern laut ausspricht: Muss erst jemand sterben, bevor Verantwortung übernommen wird?
Die Richtung der Kritik ist klar. Wer die Anwesenheit im Büro anordnet, müsse auch die Sicherheit garantieren. Freiwilligkeit, so empfinden es viele Beschäftigte, existiere in diesem Fall nur auf dem Papier. Die Entscheidung, den Standort offen zu halten, wird als Zumutung empfunden – nicht als betriebliche Notwendigkeit.
Die Konzernleitung versucht zu beruhigen. Wer möchte, könne ins Homeoffice wechseln. Doch ein kompletter Umzug sei nicht geplant. Das klingt nach Pragmatismus, vielleicht auch nach wirtschaftlicher Vernunft. Gleichzeitig wirkt es wie ein Verharren in einer Situation, die sich längst zugespitzt hat. Homeoffice als Sicherheitskonzept – das überzeugt nur begrenzt.
Marseille kennt solche Debatten. Die Stadt kämpft seit Jahren mit einer Spirale aus Drogenhandel, sozialer Ausgrenzung und Gewalt. Ganze Straßenzüge werden von Netzwerken kontrolliert, die wenig Respekt vor staatlicher Autorität zeigen. Dass nun auch ein großer Arbeitgeber ins Fadenkreuz gerät, verleiht dem Problem eine neue Dimension. Es geht nicht mehr nur um Kriminalität in Randbezirken. Es geht um die Frage, wie sicher Arbeit in bestimmten Teilen der Stadt noch ist.
Für die Beschäftigten bedeutet das eine tägliche Abwägung. Man kommt, weil man muss. Man bleibt, weil es keine Alternative gibt. Und man hofft, dass der nächste Schuss nicht während der Kaffeepause fällt. Klingt hart, ist aber genau die Stimmung, die sich zwischen den Büros breitmacht. Manche reden darüber offen, andere nur im Flüsterton. Ein bisschen Galgenhumor ist auch dabei – sonst hält man das kaum aus.
Politisch ist der Fall heikel. Jede weitere Eskalation würde den Druck auf Stadt, Polizei und Staat erhöhen. Gleichzeitig lassen sich Drogennetzwerke nicht einfach wegpatrouillieren. Sie sind tief verwurzelt in sozialen Strukturen, in Armut, Perspektivlosigkeit, Parallelökonomien. Ein Telekommunikationsstandort wird so unfreiwillig zum Symbol für ein Versagen, das weit über ein einzelnes Gebäude hinausreicht.
Noch ist niemand verletzt. Noch funktionieren die Arbeitsabläufe. Noch spricht man von Einzelfällen. Doch Marseille kennt diese „Noch“-Momente. Sie sind oft Vorboten dessen, was folgt. Die Einschusslöcher im Orange-Gebäude erzählen davon leiser, aber eindringlicher als jede Statistik.
Und während draußen Polizeisirenen verklingen, sitzen drinnen Menschen an ihren Schreibtischen und fragen sich, wie normal sich dieser Ausnahmezustand eigentlich schon anfühlt.
Von Daniel Ivers