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Schüsse im Norden von Marseille – ein junger Mann tot, eine Stadt unter Dauerfeuer

Es ist Samstagabend, kurz nach neun, als im Norden von Marseille die Stille zerreißt. Mehrere Schüsse, abgefeuert aus einem fahrenden Auto, hallen über den Boulevard Jourdan im Viertel Mail, im 14. Arrondissement der Stadt. Wenige Minuten später liegt ein 22-jähriger Mann leblos auf der Straße. Mindestens fünf Kugeln aus einer Kalaschnikow haben ihn getroffen. Als die Rettungskräfte…

Foto David von Diemar

Es ist Samstagabend, kurz nach neun, als im Norden von Marseille die Stille zerreißt. Mehrere Schüsse, abgefeuert aus einem fahrenden Auto, hallen über den Boulevard Jourdan im Viertel Mail, im 14. Arrondissement der Stadt. Wenige Minuten später liegt ein 22-jähriger Mann leblos auf der Straße. Mindestens fünf Kugeln aus einer Kalaschnikow haben ihn getroffen. Als die Rettungskräfte eintreffen, gibt es nichts mehr zu tun.

Was sich an diesem 20. Dezember ereignete, reiht sich ein in eine lange, blutige Serie. Wieder ein junger Mann, wieder der Norden der Stadt, wieder Schüsse aus einem Auto. Marseille, ohnehin seit Jahren Sinnbild für die Gewalt des Drogenmilieus, erlebt keinen Winterfrieden. Eher das Gegenteil.

Der Tote war der Polizei bekannt, allerdings nicht als Drogendealer. Aktenkundig war er wegen Konsums von Betäubungsmitteln und Fahrens unter Drogeneinfluss. Das sagt die Staatsanwaltschaft und betont zugleich, dass es keine Hinweise auf eine führende Rolle im Drogenhandel gegeben habe. Das schützt vor Kugeln nicht. In diesen Vierteln genügt manchmal die falsche Bekanntschaft, der falsche Moment, der falsche Ort.

Die Täter, so der derzeitige Ermittlungsstand, eröffneten das Feuer aus einem Fahrzeug heraus. Dieses Auto wurde wenig später im benachbarten 13. Arrondissement ausgebrannt aufgefunden – ein bekanntes Muster. Spuren vernichten, Zeit gewinnen, Angst säen. Die Staatsanwaltschaft leitete ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes in organisierter Bande ein. Worte, schwer wie Blei, hinter denen sich eine komplexe Realität verbirgt: territoriale Kämpfe, Racheakte, Einschüchterung.

Rund eineinhalb Stunden nach der tödlichen Attacke taucht ein weiterer junger Mann in einer Notaufnahme auf. Schussverletzung am Fuß. Auch er spricht von einer Schießerei im 14. Arrondissement, bleibt vage, nennt keine Details. Ob ein direkter Zusammenhang besteht, prüfen die Ermittler. Sicher ist nur: Die Gewalt an diesem Abend hatte mehr als ein Opfer. Und mehr als einen Tatort, selbst wenn sie geografisch nahe beieinander liegen.

Marseille kennt diese Nächte. Blaulicht, Absperrbänder, schweigende Anwohner hinter Fenstern, die sich nur einen Spalt öffnen. Viele hier haben gelernt, Fragen für sich zu behalten. Man will keinen Ärger, keine Aufmerksamkeit. Man will einfach nur, dass es aufhört. Doch genau das passiert nicht.

Die Opferzahlen sprechen eine deutliche Sprache. Vor diesem Wochenende zählte die Nachrichtenagentur AFP bereits siebzehn Menschen, die seit Jahresbeginn im Département Bouches-du-Rhône im Zusammenhang mit Drogenkriminalität ums Leben kamen. Siebzehn. Eine Zahl, die abstrakt klingt, bis man versteht, dass sich dahinter Familien, Freundeskreise, zerbrochene Lebensentwürfe verbergen. Und Stadtviertel, die mit jedem Schuss ein Stück Vertrauen verlieren.

Besonders erschüttert zeigte sich die Vereinigung „Conscience“, gegründet von dem Aktivisten gegen den Drogenhandel Amine Kessaci. Der Getötete sei der Neffe eines ihrer ehrenamtlichen Helfer gewesen, hieß es in einer Stellungnahme. Sein Tod erinnere „mit unerträglicher Brutalität daran, dass kein Aufatmen in Sicht ist und dass der tödliche Strudel unsere Viertel weiter heimsucht“. Worte, die nicht nach politischer Rhetorik klingen, sondern nach Erschöpfung.

Der Name Kessaci ist in Marseille kein unbekannter. Erst im November wurde der 20-jährige Mehdi Kessaci erschossen, der jüngere Bruder von Amine. Sein Tod hatte die Stadt aufgerüttelt, Mahnwachen ausgelöst, Diskussionen entfacht. Für einen Moment schien es, als würde die Gewalt innehalten. Doch solche Pausen sind trügerisch. Die Mechanik des Drogenmilieus kennt kein Gedenken, keine Rücksicht, keine Feiertage.

Wer durch den Norden von Marseille fährt, sieht nicht nur verfallene Fassaden und graue Hochhäuser. Man sieht auch Spielplätze, Schulen, kleine Läden, Cafés. Ein normales Stadtleben, eingeklemmt zwischen Hoffnung und Angst. Viele Bewohner fühlen sich alleingelassen. Polizeipräsenz kommt oft erst nach den Schüssen, selten davor. Prävention klingt gut in Reden, wirkt aber fern, wenn die Nacht wieder von Sirenen zerschnitten wird.

Natürlich ist nicht jeder Tote automatisch Teil des organisierten Drogenhandels. Die Grenzen sind fließend, die Lebensläufe oft widersprüchlich. Konsum, Kleinkriminalität, Gelegenheitsjobs im Schattenmilieu – all das bildet einen Nährboden, auf dem Gewalt gedeiht. Wer dort aufwächst, lernt früh, dass Stärke über Angst definiert wird. Und dass Waffen schnell verfügbar sind. Zu schnell.

Die Kalaschnikow, jene Kriegswaffe, ist längst ein trauriges Symbol der Marseiller Drogenkriege. Ihre Präsenz zeigt, wie stark die Strukturen professionalisiert sind. Das sind keine spontanen Rangeleien mehr, sondern gezielte Exekutionen. Und jede davon sendet eine Botschaft, die weit über den eigentlichen Tatort hinausreicht.

Was bleibt, ist Ratlosigkeit. Und Wut. Und die leise Frage, wie viele junge Leben noch enden müssen, bevor sich etwas grundlegend ändert. Marseille ist mehr als seine Schlagzeilen. Doch diese Schlagzeilen schreiben sich derzeit fast von selbst.

In den Straßen des Viertels Mail kehrt der Alltag langsam zurück. Kinder gehen zur Schule, Erwachsene zur Arbeit. Aber die Erinnerung an die Schüsse bleibt. Sie hängt in der Luft, schwer und unsichtbar. Und sie flüstert eine Wahrheit, die niemand hören will: Für viele ist der nächste Knall nie weit entfernt.

Autor: Daniel Ivers