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Schüsse in der Nacht – Wenn Jugendliche zu Tätern werden und eine Stadt den Atem anhält

Mitten in der Nacht zum 13. März 2026, wenn die Straßen der südlichen Viertel von Marseille eigentlich zur Ruhe kommen sollten, durchbrachen Schüsse die Stille der cité de la Sauvagère im 10. Arrondissement. Ein Lebensmittelhändler, vielen Anwohnern als freundlicher Nachbarschaftsladenbesitzer bekannt, brach mit einer Schussverletzung im Bauch zusammen. Wenig später brachte ihn ein Angehöriger ins…

Illustration Bernie Almanzar

Mitten in der Nacht zum 13. März 2026, wenn die Straßen der südlichen Viertel von Marseille eigentlich zur Ruhe kommen sollten, durchbrachen Schüsse die Stille der cité de la Sauvagère im 10. Arrondissement. Ein Lebensmittelhändler, vielen Anwohnern als freundlicher Nachbarschaftsladenbesitzer bekannt, brach mit einer Schussverletzung im Bauch zusammen. Wenig später brachte ihn ein Angehöriger ins Hôpital de la Timone.

Die Szene wirkt wie aus einem düsteren Kriminalfilm – nur dass sie sich in einer ganz normalen Wohnsiedlung abspielte.

Kurz nach der Tat nahm die Polizei zwei Verdächtige fest. Ihr Alter ließ selbst erfahrene Ermittler aufhorchen: 14 und 15 Jahre. Jugendliche also, kaum älter als Schüler der Mittelstufe. Die beiden wurden noch in der Nacht in Polizeigewahrsam genommen. Bei den Ermittlungen stellten die Beamten außerdem eine Kalaschnikow sicher – eine Waffe, die man eher mit Kriegsgebieten als mit Jugendlichen in einer französischen Großstadt verbindet.

Der Fall wurde der auf organisierte und schwere Kriminalität spezialisierten Einheit DCOS übergeben, einer Ermittlungsstruktur, die in Marseille längst zu einer festen Größe geworden ist. Immer dann, wenn Schusswaffen, Banden oder mögliche Verbindungen zum Drogenhandel im Spiel sind, übernimmt diese Einheit.

Und genau das lässt viele Beobachter aufhorchen.

Denn Marseille kämpft seit Jahren mit einer Gewaltspirale, die eng mit dem lukrativen Drogenhandel in den nördlichen und südlichen Vorstadtquartieren verbunden ist. Revierkämpfe zwischen Netzwerken, Vergeltungsaktionen, Einschüchterung – all das prägt immer wieder die Schlagzeilen. Lange Zeit schien diese Gewalt zumindest halbwegs auf das kriminelle Milieu beschränkt zu bleiben.

Doch diese Grenze verschwimmt zunehmend.

Wenn ein kleiner Ladenbesitzer ins Visier gerät, wird die Sache plötzlich greifbar für den Alltag der Bewohner. Der Bäcker an der Ecke, der Tabakladen, der kleine Supermarkt – Orte, an denen sich Nachbarschaft abspielt. Orte, an denen Kinder nach der Schule Süßigkeiten kaufen.

Und plötzlich fallen dort Schüsse.

Noch alarmierender ist das Alter der mutmaßlichen Täter. Jugendliche tauchen in den Polizeiberichten der letzten Monate immer häufiger auf, wenn es um schwerste Gewaltdelikte geht. Manche sind kaum älter als fünfzehn. Experten sehen darin ein Symptom der wachsenden Professionalisierung der kriminellen Netzwerke: Junge Täter gelten als leichter beeinflussbar, leichter zu rekrutieren – und aus Sicht der Drahtzieher juristisch weniger riskant.

Das klingt brutal. Und genau das ist es auch.

In vielen Vierteln von Marseille kämpfen Sozialarbeiter, Lehrer und Vereine seit Jahren dagegen an. Sie versuchen, Jugendlichen Perspektiven zu geben, bevor sie in die Schattenwelt der Drogenökonomie geraten. Doch dort locken schnelles Geld, Status und eine gefährliche Form von Anerkennung. Für manche wirkt das verführerischer als Schule oder Ausbildung.

Der jüngste Fall reiht sich deshalb in eine Serie von Ereignissen ein, die für die Stadt zunehmend zur Belastungsprobe werden. Marseille möchte sich als dynamische Mittelmeer-Metropole präsentieren – mit Kultur, Start-ups, Tourismus und wirtschaftlichem Aufbruch.

Doch jede neue Meldung über Schießereien kratzt an diesem Bild.

Noch ist vieles unklar: das Motiv, der genaue Ablauf der Tat, mögliche Hintergründe im Drogenmilieu. Sicher ist bislang nur, dass ein Händler angeschossen wurde und zwei sehr junge Verdächtige festgenommen sind.

Und dass eine Stadt erneut mit der Frage ringt, wie tief sich Gewalt bereits in ihre Viertel eingegraben hat.

Vielleicht ist genau das der verstörendste Aspekt dieser Nacht. Nicht nur die Schüsse. Nicht nur die Kalaschnikow.

Sondern die Tatsache, dass viele Bewohner inzwischen kaum noch überrascht wirken.

Von C. Hatty

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