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Schüsse in Ghisonaccia – Ein Kind wird Zeuge eines Mordes

Es war kurz nach halb sieben am Abend des 6. Novembers 2025, als die Stille in der korsischen Gemeinde Ghisonaccia jäh zerrissen wurde. Zwei maskierte Männer tauchten auf, zielten – und schossen. Mehrfach. Das Ziel: ein 39-jähriger Mann, der gerade im Begriff war, sein Zuhause zu betreten. An seiner Seite: sein neun Jahre alter Sohn.…

Foto David von Diemar

Es war kurz nach halb sieben am Abend des 6. Novembers 2025, als die Stille in der korsischen Gemeinde Ghisonaccia jäh zerrissen wurde. Zwei maskierte Männer tauchten auf, zielten – und schossen. Mehrfach. Das Ziel: ein 39-jähriger Mann, der gerade im Begriff war, sein Zuhause zu betreten. An seiner Seite: sein neun Jahre alter Sohn. Der Junge musste mitansehen, wie sein Vater vor seinen Augen niedergestreckt wurde.

Ein Moment, der alles verändert.

Ein Mord mit Ansage?

Die Opferzahl auf Korsika steigt – dieser Mord ist bereits der neunte im laufenden Jahr. Eine Statistik, die aufhorchen lässt. Doch nicht nur die Häufigkeit, auch die Umstände machen betroffen: Die Tat geschah nicht in einem düsteren Hinterhof, nicht im Schutz der Nacht, sondern am frühen Abend, mitten in einer Wohnsiedlung. Und sie traf keinen Clanboss oder bekannten Unterweltler, sondern einen Plattenleger, der nach einem gewöhnlichen Tag mit seinem Sohn nach Hause zurückkehrte.

Zwei Männer, vermummt, bewaffnet, vorbereitet – alles deutet auf eine gezielte Ausführung hin. Und auf ein Motiv, das tiefer reicht als ein einfacher Streit.

Wie verarbeitet ein Kind so etwas? Der Gedanke lässt einen kaum los. Ein Neunjähriger, der sich in Sicherheit bringen kann – aber dessen Leben in genau diesem Moment zerbricht. Was bleibt, ist nicht nur die Erinnerung an den Schuss, an den Schrei, an den Fall. Es bleibt ein Trauma, das niemand zurückdrehen kann.

Die Justiz wird ermitteln, und sie tut es mit aller Härte: Verdacht auf vorsätzlichen Mord, mögliche organisierte Strukturen im Hintergrund, Hinweise auf eine inszenierte Tat mit Fluchtplan. Aber für den Jungen gibt es kein Strafmaß, das die Lücke schließen kann, die ein ermordeter Vater hinterlässt.

Gewalt in der Peripherie

Ghisonaccia liegt nicht in einem sozialen Brennpunkt. Keine große Stadt, keine Hochhauszeilen, keine Bandenrivalitäten wie in Marseille oder Ajaccio. Und doch ist genau das vielleicht das Erschreckendste: Dass solche Taten längst auch jene Orte erreichen, die bisher als ruhig galten. Dass auch hier Täter zuschlagen, ohne Rücksicht, ohne Skrupel – und dass die Bevölkerung zum wiederholten Mal in eine Schockstarre verfällt.

Denn auch wenn sich die Gewalt im Laufe der Jahre verlagert hat, ist die Botschaft klar: Niemand ist unberührbar. Nicht geografisch, nicht gesellschaftlich. Korsika mag als Urlaubsinsel gelten – die Realität vieler Bewohner sieht allerdings ganz anders aus.

Warum dieser Mord mehr als ein Einzelfall ist

Was diesen Fall besonders macht, ist nicht nur seine Brutalität. Es ist die Tatsache, dass hier etwas Grundsätzliches erschüttert wurde: das Gefühl von Sicherheit im eigenen Zuhause, das Vertrauen in die eigene Straße, das Wissen, dass Kinder zumindest vor der Realität der Gewalt geschützt sein sollten.

Ein Kind als Zeuge eines Mordes – das ist nicht nur ein emotionales Drama, das ist ein gesellschaftlicher Weckruf. Der neunte Mord des Jahres ist nicht nur eine weitere Zahl auf einem Blatt Papier. Er ist ein Symbol für eine Erosion der Ordnung, für ein Klima der Angst, das sich langsam ausbreitet – auch dort, wo man es nicht erwartet hätte.

Ein Appell an das Ganze

Die Ermittlungen laufen, die Behörden zeigen sich entschlossen. Aber die Frage bleibt: Wie weit ist es gekommen, dass man einen Menschen mitten in einem Wohngebiet erschießen kann – vor den Augen seines Kindes? Und wie kommt man da wieder heraus?

Vielleicht braucht es weniger symbolische Sicherheitsversprechen und mehr konkrete Maßnahmen: gegen illegalen Waffenbesitz, gegen organisierte Kriminalität, gegen das Wegsehen. Und gleichzeitig braucht es ein Umdenken im Umgang mit Betroffenen – denn wer so etwas miterlebt, braucht mehr als Trost. Er braucht einen Halt, den ein Gemeinwesen nur geben kann, wenn es Präsenz zeigt. Nicht nur mit Blaulicht – sondern mit Haltung.

Autor: Daniel Ivers