In Frankreich hängt der grüne Haussegen schief – zumindest wenn man Marine Tondelier zuhört, der wortgewaltigen Chefin der französischen Grünen. In einem Interview am 2. Juni 2025 auf France Inter schlug sie Alarm: Eine regelrechte "Offensive gegen den Umweltschutz" rolle durchs Land. Und das nicht aus dem rechten politischen Lager, sondern auch aus Reihen, die sich einst als Bündnispartner der Grünen verstanden.
Was war passiert?
Tondelier zählt auf: Wiederaufnahme des Baus der umstrittenen Autobahn A69, das Ende der Umweltzonen (ZFE), das Parlament kippt Schutzmaßnahmen in der Landwirtschaft – und zu allem Überfluss geistert auch noch die Rückkehr eines verbotenen Pestizids durch die Schlagzeilen. Ihre Einschätzung: Eine „schwarze Woche für die Ökologie“. Doch statt zu resignieren, ruft sie nun zum Widerstand auf. In ihren Worten: „Die Ökologie wird zurückschlagen.“
Zwischen Frust und Feuer
Dabei spart Tondelier nicht mit Kritik – auch nicht an der eigenen politischen Familie. La France Insoumise (LFI)? Habe sich in die Abstimmung zur Abschaffung der Umweltzonen gestürzt, ohne einen Plan B anzubieten. Die Sozialisten? Unterstützen den Autobahnausbau, als gäbe es keine Klimaerwärmung.
Diese Haltung der linken Mitstreiter ist für Tondelier ein Warnsignal – und zugleich ein Weckruf. „Unser Lager muss zurückschlagen“, sagt sie. In ihren Augen droht den Grünen bei einer möglichen gemeinsamen Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2027 das Schicksal des politischen Statisten – und das will sie unbedingt verhindern.
Eine neue Vision für die grüne Politik
Doch Tondelier will mehr als nur Kritik üben. Sie will etwas aufbauen: Eine echte, integrative und zukunftsgerichtete grüne Bewegung, verwurzelt in den Realitäten des Landes. Ihr Vorschlag? Eine „Primaire des territoires“ – eine Vorwahl, die lokale Besonderheiten und Bedürfnisse berücksichtigt. Denn was für zum Beispiel Marseille gilt, trifft nicht zwangsläufig auf Lille zu.
Die Idee klingt simpel – aber sie könnte ein Gamechanger sein. Statt einer zentralen Entscheidung aus Paris soll die grüne Basis in ganz Frankreich das Wort haben. Klingt demokratisch? Ist es auch. Und politisch clever dazu, denn so ließe sich eine breite Zustimmung für eine gemeinsame links-grüne Kandidatur aufbauen.
Ökologie als Hoffnung, nicht als Verbot
Was Tondelier ebenfalls klarstellt: Grüne Politik darf nicht länger als moralischer Zeigefinger wahrgenommen werden. Die Menschen sollen nicht das Gefühl haben, für ihre Lebensweise ständig getadelt zu werden. Vielmehr soll Ökologie als Lösung verstanden werden – für bessere Luft, gesündere Städte, sichere Lebensmittel und eine lebenswerte Zukunft.
Ein Punkt, den sie immer wieder betont: Es gehe nicht darum, die Menschen zu erziehen, sondern ihnen Wege zu zeigen. Wege, wie sie gesünder leben können. Wie Städte leiser, grüner und lebenswerter werden. Wie Kinder auch morgen noch draußen spielen können, ohne Feinstaub zu inhalieren.
Uneinigkeit in der Linken – oder die Chance zum Neubeginn?
Doch all das ist nur möglich, wenn sich die Linke sortiert. Derzeit jedoch ist sie zersplittert, zerstritten, ideologisch verhärtet. Tondelier will diese Mauern einreißen – mit einem radikalen Vorschlag für eine neue politische Architektur. Ihre Botschaft: Keine taktischen Spielchen mehr, sondern ehrliche Zusammenarbeit.
Dabei betont sie immer wieder: Die Grünen dürfen sich nicht selbst aufgeben, um bei einem gemeinsamen Projekt „mitspielen“ zu dürfen. Sie müssen selbstbewusst und führungsstark auftreten – auch und gerade dann, wenn es unbequem wird.
Eine ökologische Gegenoffensive, die sitzen soll
Das alles lässt nur einen Schluss zu: Die grüne Bewegung in Frankreich steht vor einer Weggabelung. Entweder sie verharrt im Klein-Klein der Parteipolitik – oder sie wagt den großen Sprung und wird zur zentralen und treibenden Kraft der Veränderung. Marine Tondelier hat sich klar entschieden.
Ihre Worte sind Kampfansage und Einladung zugleich. An die Bürgerinnen und Bürger. An die Parteien links der Mitte. An die politische Kultur des Landes.
Die Frage bleibt: Wer nimmt diese Einladung an?
Von C. Hatty