Alle Artikel · 19.06.2025 06:03
Schwitzen für Singapur: Hitzeschlacht bei den Schwimmmeisterschaften in Montpellier
Was bleibt von den französischen Schwimmmeisterschaften 2025 in Erinnerung? Nicht nur die beeindruckenden Leistungen im Becken – sondern vor allem der brutale Hitzeschock, der Athletinnen und Athleten an ihre Grenzen brachte. Zwischen dem 14....
Was bleibt von den französischen Schwimmmeisterschaften 2025 in Erinnerung?
Nicht nur die beeindruckenden Leistungen im Becken – sondern vor allem der brutale Hitzeschock, der Athletinnen und Athleten an ihre Grenzen brachte.
Zwischen dem 14. und 19. Juni verwandelte sich das moderne olympische Schwimmbad Angelotti in Montpellier in eine Art Dampfsauna. Bei Temperaturen von über 35 °C kämpften Frankreichs beste Schwimmer nicht nur um Medaillen und WM-Tickets, sondern buchstäblich ums Durchhalten.
Hitzekollaps statt Höhenflug
Roman Fuchs, frischgebackener französischer Meister über 200 Meter Freistil, brachte es auf den Punkt: „Es ist einfach nur schrecklich. Ich dachte, ich kippe gleich um.“ Schon das Anziehen der Wettkampfanzüge sei eine Tortur gewesen – und das, bevor überhaupt der Startschuss gefallen war.
Auch Rückenschwimmer Yohann Ndoye-Brouard, Sieger über 100 Meter Rücken, wurde von der Hitze fast aus dem Rennen geworfen. „Ich habe Zucker genommen, Wasser getrunken – aber es war einfach brutal.“ Was wie die Vorbereitung auf einen Marathon klingt, war in Wahrheit die Realität eines Hochleistungswettkampfs unter Extrembedingungen.
Chlor, Schweiß und dicke Luft
Besonders heikel: Die hohe Lufttemperatur machte auch vor dem Wasser nicht Halt. In der Aufwärmphase verdarb die Hitze nicht nur die Sicht – durch starkes Schwitzen der Athleten stieg auch der Anteil an Chloraminen im Wasser.
Ein Reizstoff, der besonders für Asthmatiker wie Ndoye-Brouard problematisch ist. „Ich habe ständig gehustet. Es war kaum auszuhalten.“
Ein Zustand, der Fragen aufwirft – und zwar nicht nur sportlicher, sondern struktureller Natur.
Goldene Zeiten – trotz Glutofen
Erstaunlich ist, dass unter diesen Umständen dennoch nationale Rekorde purzelten. Brustspezialist Antoine Viquerat unterbot mit 27,02 Sekunden über 50 m Brust die bisherige französische Bestzeit – ein echtes Ausrufezeichen inmitten der Hitzewelle.
Und auch Béryl Gastaldello ließ sich nicht stoppen: Mit 53,60 Sekunden über 100 m Freistil sicherte sie sich souverän ihren Platz für die Weltmeisterschaften in Singapur.
Für viele war der Wettkampf nicht nur ein sportlicher, sondern auch ein emotionaler Meilenstein.
Pierre Goudenèche, Vizemeister über 50 m Brust, konnte seine Freude kaum fassen: „Ich war ein Freizeitschwimmer in einem Dorf in der Charente, trainierte mit Oma und Opa. Und jetzt – die WM. Unglaublich.“
Eine dieser Geschichten, die der Sport schreibt – voller Herz und Hingabe.
Wenn Sportstätten an ihre Grenzen stoßen
Doch neben der Euphorie steht ein ernster Gedanke im Raum: Wie wetterfest sind unsere Sportinfrastrukturen noch?
Denn die Hitzewelle von Montpellier war kein Ausrutscher – sondern ein Vorgeschmack auf das, was im Zeichen des Klimawandels zum neuen Normal werden könnte.
Für Veranstalter und Verbände stellt sich die Frage, wie Hallen und Wettkampfstätten besser auf extreme Bedingungen vorbereitet werden können. Denkbar sind technische Aufrüstungen wie leistungsfähigere Belüftungssysteme – oder organisatorische Anpassungen wie frühere Wettkampfzeiten, um der größten Hitze des Tages zu entgehen.
Ein Vorgeschmack auf Singapur
Fast paradox: Während in Montpellier die Hitze alle zum Schwitzen brachte, bereiten sich die Qualifizierten jetzt auf die Weltmeisterschaften in Singapur vor – eine Stadt, die bekannt ist für tropisches Klima mit hoher Luftfeuchtigkeit.
Doch eines steht fest:
Wer Montpellier überstanden hat, der wird auch dort bestehen können.
Denn was die Athletinnen und Athleten in dieser Juniwoche gezeigt haben, war mehr als Muskelkraft. Es war mentale Stärke, Disziplin – und die Bereitschaft, buchstäblich durch die Hitze zu gehen.
Autor: Daniel Ivers