Freitagabend, kurz nach 19 Uhr. Im Viertel Valdegour in Nîmes peitschen Schüsse durch die Straßen. Sechs junge Menschen brechen zusammen, getroffen von einer Salve aus einem Kaliber, das sonst eher bei der Jagd verwendet wird: .222 Remington. Unter den Opfern – drei Minderjährige. Die beiden Jüngsten, 15 und 17 Jahre alt, schweben nicht mehr in Lebensgefahr, ihr Zustand bleibt dennoch besorgniserregend.
„Wir, wir haben genug. Wir haben Angst. Wir sind hier nicht mehr sicher… Sie haben ein Polizeirevier hingestellt, aber das bringt nichts. Wir sehen nie Polizisten, nie eine Patrouille. Nichts. Das ist nicht normal.“ Die Worte eines Anwohners klingen nach Wut, aber noch mehr nach Resignation. Valdegour, Nachbarviertel von Pissevin, ist seit Jahren als Brennpunkt des Drogenhandels bekannt. Augenzeugen berichten, dass die Angreifer in einem Fahrzeug kamen, aus dem Auto heraus das Feuer eröffneten und ebenso schnell wieder verschwanden. Rund zwanzig Patronenhülsen fanden Ermittler am Tatort. Sie alle stammen aus Waffen, die üblicherweise im Jagdsport eingesetzt werden. Doch am Freitagabend ging es nicht um Wild – sondern um Menschenleben.
Noch immer sitzt vielen die Tragödie vom August 2023 in den Knochen, als ein zehnjähriger Junge im benachbarten Pissevin durch eine verirrte Kugel starb. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort, während Banden im Streit um Drogenreviere auf offener Straße das Feuer eröffneten. Die Empörung war groß. Politiker versprachen „Null Toleranz“ und einen Sicherheitsausbau. Doch was ist seitdem geschehen?
Die Polizei hat jetzt eine großangelegte Untersuchung eingeleitet wegen versuchten Mordes in organisierter Bande, unerlaubten Waffenbesitzes, Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung sowie Gefährdung anderer. Ermittler aus den Departements Gard und Hérault arbeiten zusammen, doch es ist ein mühsames Puzzle. Viele Zeugen sprechen nur ungern. Angst vor Vergeltung schwebt wie ein Damoklesschwert über dem Viertel.
Valdegour gilt seit Jahren als neuralgischer Punkt, wo sich Armut, Perspektivlosigkeit, Schulabbrüche und Drogenkriminalität kreuzen. Ein Gemisch, das immer wieder in Gewalt explodiert. Doch was kann ein Staat tun, der längst den Rückhalt vieler Bewohner verloren hat? Mehr Polizei, mehr soziale Projekte, härtere Strafen – oder alles zusammen? Die Menschen vor Ort wollen vor allem eins: Frieden. Und ein Leben, das nicht täglich von der Angst vor Schüssen bestimmt ist.
Wie lange wird es dauern, bis das nächste Opfer fällt?
Daniel Ivers