In Saint‑Tropez ist ein winziges, aber provozierendes Objekt zu einem großen Thema geworden: ein Sonnenschirm in Form einer weiblichen Brust.
Entwickelt von den Designer*innen Matthieu Vergote und Ekhi Busquet, soll der „Seins‑Tropez“ nicht nur Schatten spenden, sondern auch ein Zeichen setzen: für Körpervielfalt, Feminismus und den Kampf gegen Brustkrebs.
Saint‑Tropez war in den 1960er-Jahren eine Hochburg des Topless-Strandbades, bekannt geworden etwa durch Brigitte Bardot – sie trug damals viel zur Legendenbildung bei. Heute allerdings regiert eher UV-Schutz statt Nacktheit. Die Schöpfer vermischen Humor mit Aktivismus: ein ironisches Augenzwinkern gegen prüde Bilderregeln – in der Hoffnung, „Free the nipple“ salonfähig zu machen.
Doch der (Orts)-Name wurde zum Zankapfel. „Seins‑Tropez“ verstößt gegen Moralvorstellungen vieler Einwohner*innen. Die Bürgermeisterin nennt das Wortspiel „ridicule“ und befürchtet, der Ort werde zu einem Zielpunkt alberner Provokationen.
Der Schirm misst rund zwei Meter im Durchmesser, besteht aus in Europa gefertigtem Polyester mit Stahlgestell und kommt in zwei Hauttönen – „caucasien“ und „métissé“.
Preislich liegt man bei stolzen 259 €, doch 10 % dieser Einnahmen fließen in Brustkrebs‑Sensibilisierungsmaßnahmen.
Die Idee dahinter: Humor als Türöffner für ernsthafte Anliegen – sei es Körperbewusstsein, Gesundheitsprophylaxe oder der Kampf gegen Tabus.
Befürworter*innen preisen den Schirm als feministische Geste. Er entsexualisiere den weiblichen Körper, normalisiere Nippel und fordere im besten Sinne gesellschaftliche Offenheit.
In Zeiten, in denen digitale Plattformen Inhalte manchmal rigoros zensieren, erscheint die Schöpfung wie eine kleine Rebellion – bewusst frech, aber mit Message.
Kritiker*innen, darunter auch Lokalpolitiker*innen, lehnen die Aktion allerdings als anstößig ab. Sie sprechen von einer „vulgären Aneignung“ des Ortsnamens, nennen den Schirm „un objet ridicule“ und fordern die Rücknahme dieser Provokation.
Manche Einwohner kritisieren sogar den Preis: Einen Sonnenschirm für 259 €? Da würden viele Träume schneller verblassen als die Farbe nach einem Sonnenuntergang am Strand.
Online polarisiert das Thema stark. Einige applaudieren dem Design‑Mut. Andere posten Kommentare wie:
„Wer wirklich was Gutes tun will, spendet lieber die 259 € direkt an die Krebsforschung.“
Aber: Natürlich erreicht der Schirm Aufmerksamkeit – in einem übersättigten Markt oft die größte Herausforderung. Wenn 10 % des Kaufpreises tatsächlich in Forschung oder Aufklärung fließen, könnte daraus langfristig echte Wirkung entstehen.
Die Botschaft hinter dem „Seins‑Tropez“ geht weit über Beachwear hinaus: Sie fordert uns heraus, ohne Scham über Körper und deren Darstellung zu sprechen. Und sie tut das auf eine Art, die laut ist – bewusst laut.
Provokation und Engagement sind ein kraftvolles Paar – solange man dabei nicht die feinen Grenzen zur Geschmackslosigkeit überschreitet. Und genau hier liegt die Gratwanderung: Ist es künstlerischer Witz – oder nur ein trivialer Gag?
Die Debatte bleibt spannend: Provokation und Provokateure sind wichtig für den Fortschritt. Aber so sehr ich den Ansatz originell finde – ob ich dafür den vollen Preis zahlen würde?
Autor: Andreas M. B.