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Selenskyj in Paris: Der ukrainische Präsident sucht Rückhalt – innenpolitisch geschwächt, außenpolitisch unter Druck

Volodymyr Selenskyj reist erneut nach Paris. Am Montag, dem 1. Dezember 2025, wird er von Emmanuel Macron im Élysée empfangen – bereits zum zehnten Mal seit Beginn der russischen Invasion, und zum zweiten Mal binnen zwei Wochen. Der Zeitpunkt ist alles andere als zufällig gewählt. Während sich die militärische Lage für die Ukraine zunehmend verschärft,…

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Volodymyr Selenskyj reist erneut nach Paris. Am Montag, dem 1. Dezember 2025, wird er von Emmanuel Macron im Élysée empfangen – bereits zum zehnten Mal seit Beginn der russischen Invasion, und zum zweiten Mal binnen zwei Wochen. Der Zeitpunkt ist alles andere als zufällig gewählt. Während sich die militärische Lage für die Ukraine zunehmend verschärft, gerät Selenskyj auch innenpolitisch unter massiven Druck. Die Entlassung seines mächtigen Präsidialamtschefs Andrij Jermak wegen eines Korruptionsskandals hat ein politisches Erdbeben ausgelöst. Die diplomatische Mission in Paris ist damit mehr als ein Routinebesuch: Es geht um Rückhalt in einer Zeit maximaler Verwundbarkeit.

Der Kriegseintritt ins vierte Jahr – und eine militärische Sackgasse

Militärisch befindet sich die Ukraine in einer schwierigen Lage. Die Frühjahrsoffensive 2025 hat keine entscheidenden Geländegewinne gebracht. Im Gegenteil: Russische Truppen verzeichnen kleinere, aber kontinuierliche Fortschritte, insbesondere im Osten. Zeitgleich intensiviert Russland seine Angriffe auf die zivile Infrastruktur: Fast täglich kommt es zu Drohnenangriffen auf Kiew, Charkiw oder Dnipro. Die ukrainische Luftabwehr ist überlastet, ihre Ressourcen sind limitiert. Zelenskyj betont daher bei jedem Paris-Besuch die Notwendigkeit zusätzlicher westlicher Unterstützung – insbesondere im Bereich der Luftverteidigung.

In Washington jedoch mehren sich die Stimmen, die auf eine Verhandlungslösung drängen. Besonders Republikaner im US-Kongress fordern, dass die Militärhilfe an Fortschritte bei Friedensgesprächen geknüpft wird. Die Administration Trump verfolgt einen neuen Friedensfahrplan, der eine schrittweise Waffenruhe und territoriale Statusregelungen vorsieht – aus ukrainischer Sicht jedoch zu weitgehende Zugeständnisse an Moskau macht. Selenskyj wiederum warnt vor einem „Diktatfrieden“ und versucht, im Schulterschluss mit Paris und Berlin ein Gegengewicht zu Washingtons Druck aufzubauen.

Ein Präsident ohne engsten Berater – politische Erschütterung in Kiew

Innenpolitisch hat der ukrainische Präsident in den vergangenen Tagen einen herben Rückschlag erlitten. Andrij Jermak, sein langjähriger Vertrauter, Kabinettschef und faktischer Sicherheitsberater, trat unter dem Druck einer umfassenden Korruptionsermittlung zurück. Ermittler werfen ihm vor, über Strohmänner am Aufbau eines privaten Energiekonsortiums beteiligt gewesen zu sein, das sich über Jahre hinweg an öffentlichen Mitteln bereichert habe.

Jermak galt als Schlüsselfigur in der ukrainischen Machtarchitektur – als Strippenzieher im Hintergrund, als Koordinator westlicher Militärhilfe, als Drahtzieher in Friedensverhandlungen. Sein Sturz bringt nicht nur ein Vakuum in der politischen Führung, sondern beschädigt auch Selenskyj zentrales Narrativ: das einer sauberen, reformorientierten Ukraine im Gegensatz zum oligarchischen Russland. Zwar begrüßen westliche Partner die Aufarbeitung des Falls, doch der Rücktritt wirft unangenehme Fragen auf: Wie tief reicht das Netz? Wie stabil ist das Präsidialamt? Und wie glaubwürdig ist die Anti-Korruptionsagenda Kiews?

Macron als Stabilitätsanker – französisch-ukrainische Interessen im Gleichklang?

Für Emmanuel Macron bietet der Besuch Selenskyj Gelegenheit, Frankreichs Rolle als europäische Führungsmacht im Ukrainekrieg zu bekräftigen. Paris hat sich zuletzt als zentraler Akteur in der Vermittlung zwischen Kiew und Washington positioniert. Macron betont die Notwendigkeit eines „gerechten und dauerhaften Friedens“, ohne dabei die territoriale Integrität der Ukraine aufzugeben. Gleichzeitig mehren sich auch in Frankreich skeptische Stimmen hinsichtlich einer endlosen Unterstützung ohne politische Exit-Strategie.

Dass Macron Selenskyj trotz der Turbulenzen demonstrativ empfängt, ist ein symbolisches Signal: Frankreich steht zu Kiew – auch wenn die ukrainische Führung geschwächt ist. Der Besuch dient dabei beiden Seiten. Selenskyj kann sich als handlungsfähiger Staatsmann präsentieren, Macron als europäischer Moderator, der sich nicht dem US-amerikanischen Kurs unterordnet.

Zeichen der Entschlossenheit – und des Kalküls

Am Tag vor seiner Abreise hatte die Ukraine mit einem Angriff auf russische Öltanker in der Schwarzmeerregion für Aufsehen gesorgt. Offiziell wird betont, man wolle die russische Kriegslogistik schwächen. Inoffiziell dürfte der Angriff auch ein Signal an westliche Partner sein: Die Ukraine ist entschlossen, ihre Interessen selbstbewusst zu vertreten – auf dem Schlachtfeld wie am Verhandlungstisch.

Selenskyj Besuch in Paris steht somit im Zeichen der doppelten Front – innenpolitischer Instabilität und außenpolitischem Druck. Ob er in der Lage ist, beides gleichzeitig zu managen, bleibt offen. Sicher ist nur: Die kommenden Wochen werden entscheidend sein für die weitere Dynamik des Krieges – und für Selenskyj politische Zukunft.

Autor: P. Tiko

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