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„Sexuelle Stimulation beim Orca“: Was steckt hinter dem Skandal im Marineland d’Antibes?

Ein Orca liegt reglos auf dem Rücken. Zwei Männer in Neoprenanzügen beugen sich über ihn. Einer hält das mächtige Tier am Beckenrand, der andere greift gezielt unter Wasser. Eine Szene, wie man sie vielleicht aus medizinischen Notfällen kennt – doch was hier vor sich geht, sorgt für Entsetzen. Die Aufnahmen stammen aus dem französischen Marineland…

Marineland, Antibes (Wikipedia)

Ein Orca liegt reglos auf dem Rücken. Zwei Männer in Neoprenanzügen beugen sich über ihn. Einer hält das mächtige Tier am Beckenrand, der andere greift gezielt unter Wasser. Eine Szene, wie man sie vielleicht aus medizinischen Notfällen kennt – doch was hier vor sich geht, sorgt für Entsetzen.

Die Aufnahmen stammen aus dem französischen Marineland in Antibes, einem der bekanntesten Meeresparks Europas. Doch seit seiner Schließung im Januar sind es nicht mehr die Besucher, die kommen – sondern Tierschützer. Und was sie jetzt dokumentierten, löst eine heftige Debatte aus.

In der Hauptrolle: Keijo, ein zwölfjähriger männlicher Orca.

Die Tierschutzorganisation Tide Breakers veröffentlichte Mitte August eine Drohnenaufnahme, die Keijo bei einer sexuellen Stimulation durch seine Pfleger zeigt. Laut Aussage der Organisation wiederholte sich die Szene mehrmals an einem einzigen Tag – jeweils über 15 bis 20 Minuten.

@wearetidebreakers ⚠️WARNING: GRAPHIC VIDEO! This extremely disturbing video was taken August 12, 2025 at Marineland Antibes. Keijo’s trainers are stimulating him sexually, likely to collect semen for artificial insemination. This is one of the captivity industry’s dirty little secrets. Semen is collected to impregnate females against their will and create more whales to be born into captivity. How is this a priority when they’re trapped in a shut-down, crumbling cess-pool? Enough is enough. This shameless exploitation is sickening. Read more on our website tidebreakers.org #orcas #marinelandantibes #whales ♬ Crime Investigation - Wolfgang Woehrle

Was wie ein medizinischer Routineeingriff aussehen mag, wirft eine Frage auf, die das Netz spaltet: Wurde hier Sperma gewonnen – und wenn ja, zu welchem Zweck?

Die Tierschützer sind überzeugt: Es geht ums Geschäft. Die gezielte Gewinnung von Sperma zur künstlichen Befruchtung ist in der Welt der Meeressäuger keine Seltenheit. Besonders in Japan und China, wo Orcas weiterhin in Gefangenschaft gehalten und gezüchtet werden, sind solche Praktiken gang und gäbe. Und gerade jetzt, so betonen sie, ist die Nachfrage hoch – Japan hat vor kurzem seinen einzigen männlichen Orca in Gefangenschaft verloren. Keijo wäre also ein gefragter Kandidat auf dem Reproduktionsmarkt.

„Das ist eine milliardenschwere Industrie“, heißt es vonseiten der Aktivisten. Der Verdacht liegt nahe: Die Samen könnten verkauft, oder im Rahmen internationaler Zuchtabkommen weitergegeben werden.

Aber es gibt ein großes Aber.

Der Park selbst bestreitet jegliche kommerzielle Motivation. Ja, bestätigt Marineland, die Aufnahmen seien echt. Aber nein, es gehe nicht um Sperma-Export. Vielmehr handele es sich um eine Maßnahme zur Reduktion sexueller Spannungen. Keijo habe mit Beginn der Pubertät starke Triebe entwickelt, die sich gefährlich auf das Zusammenleben mit seiner Mutter Wikie auswirken könnten. Die beiden seien das letzte Orca-Duo in Antibes – jede Eskalation könnte tragisch enden.

Eine außergewöhnliche Situation also – und ein außergewöhnlicher Umgang damit?

Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Denn Tierschutzorganisationen wie One Voice und Tide Breakers halten diese Erklärung für wenig glaubwürdig. Vielmehr, so sagen sie, handele es sich um ein klassisches Training zur Samenentnahme – ob für einen aktuellen oder zukünftigen Einsatz. Dass die Tiere in europäischen Parks unter hormoneller Kontrolle stehen, sei bekannt. Dass die Fortpflanzung eigentlich gesetzlich verboten ist, ebenfalls. Und genau da liegt der Knackpunkt.

Denn: Die 2021 beschlossene französische Gesetzesnovelle zum Schutz von Wildtieren in Gefangenschaft tritt erst Ende 2026 vollständig in Kraft. Bis dahin gilt ein rechtlicher Graubereich. Die Fortpflanzung ist zwar unerwünscht – aber unter bestimmten Bedingungen noch möglich. Vorausgesetzt, sie wird genehmigt. Und eine solche Genehmigung liegt laut Umweltministerium für Keijo derzeit nicht vor. Weder zur Samenentnahme, noch zur Weitergabe an Drittländer.

Was bleibt, ist ein beklemmendes Bild.

Ein Park, der seine letzten Orcas nicht aus der Hand geben will. Behörden, die noch keine vollziehbaren Regeln durchsetzen. Und Tierschützer, die auf Missstände hinweisen, aber keine gerichtsfesten Beweise liefern.

Wie soll es also weitergehen?

Der Ruf nach einem Umzug der Tiere in ein Schutzgebiet – ein sogenanntes Sanctuary – wird lauter. Doch geeignete Orte fehlen. Und die Zeit drängt. Denn je länger Keijo mit seiner Mutter isoliert lebt, desto größer die Gefahr von Verhaltensstörungen – oder schlimmerem.

Der Fall Marineland wirft grundsätzliche Fragen auf. Über unser Verhältnis zu Tieren. Über Ethik im Schatten wirtschaftlicher Interessen. Und über die Verantwortung, die wir tragen, wenn wir Tiere nicht nur beobachten, sondern besitzen.

Wer kontrolliert das Leben in den Becken, wenn die Zuschauer weg sind?

Und wer schützt jene, die nicht sagen können, was sie fühlen?

Autor: C.H.

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