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Sicherheitsnotstand am Mittelmeer: Marseilles Bürgermeister fordert mehr Engagement des Staates

Der sozialistische Bürgermeister von Marseille, Benoît Payan, schlägt Alarm: In einem Interview mit franceinfo beklagt er den eklatanten Mangel an nationalen Polizeikräften in seiner Stadt – und fordert eine grundlegende sicherheitspolitische Wende. Die kommunale Ebene, so Payan, könne die staatliche Verantwortung nicht länger auffangen. Der Fall Marseille wirft ein grelles Licht auf strukturelle Schwächen des…

Illustration Stephanie LeBlanc

Der sozialistische Bürgermeister von Marseille, Benoît Payan, schlägt Alarm: In einem Interview mit franceinfo beklagt er den eklatanten Mangel an nationalen Polizeikräften in seiner Stadt – und fordert eine grundlegende sicherheitspolitische Wende. Die kommunale Ebene, so Payan, könne die staatliche Verantwortung nicht länger auffangen. Der Fall Marseille wirft ein grelles Licht auf strukturelle Schwächen des französischen Sicherheitsapparats – und auf die tieferliegenden Widersprüche zwischen Zentralstaat und Metropolen.

Marseille, die zweitgrößte Stadt Frankreichs und Tor zum Mittelmeer, steht seit Jahren unter Druck. Die Kombination aus sozialer Marginalisierung, hoher Arbeitslosigkeit, rivalisierenden Drogenbanden und einer angespannten Sicherheitslage hat das Stadtbild geprägt. Zwar gehört Gewalt in Marseille nicht erst seit gestern zum Alltag, doch die jüngsten Entwicklungen – gezielte Schießereien, Angriffe auf kritische Infrastruktur, wie zuletzt das Orange-Netzwerk im Stadtteil Saint-Mauront – haben eine neue Qualität erreicht.

"Ce qui est régalien doit rester régalien"

In bemerkenswerter Klarheit spricht Payan von einem sicherheitspolitischen Notstand. Die kommunale Polizei sei weder ausgebildet noch ausgerüstet, um Aufgaben der nationalen Sicherheit zu übernehmen. "Niemand kann glauben, dass sich die städtische Polizei anstelle der nationalen Polizei setzen kann", so Payan. Das Gewaltmonopol des Staates sei nicht delegierbar – eine Erinnerung an ein republikanisches Grundprinzip, das in den letzten Jahren zunehmend unter Druck geraten ist.

In der Nacht von Sonntag auf Montag, berichtet Payan, seien lediglich zwölf Fahrzeuge der Police nationale in der gesamten Stadt unterwegs gewesen – bei rund 870.000 Einwohnern. Insgesamt seien nachts nur etwa 40 nationale Polizisten im Einsatz. Eine Zahl, die laut Payan nicht das Sicherheitsbedürfnis einer Großstadt decken könne: "Vielleicht, wenn wir die nötigen Mittel des Staates hätten, wären wir nicht in dieser Situation."

Chronischer Personalmangel trotz Versprechen

Die Forderungen des Bürgermeisters richten sich explizit an den Innenminister. Zwar habe Gérald Darmanin während seiner Amtszeit ein "positives Saldo" von rund 100 zusätzlichen Polizisten ermöglicht, doch diese Entwicklung sei zum Stillstand gekommen. Sein Nachfolger, Laurent Nuñez, versuche zwar gegenzusteuern, doch Payan beklagt, dass die zuvor aufgebaute Dynamik verloren gegangen sei.

Dabei hat die Stadt durchaus eigene Anstrengungen unternommen: Die Zahl der städtischen Polizeibeamten wurde während Payans Amtszeit von 400 auf 800 verdoppelt. Doch auch das reiche nicht aus, um den Herausforderungen der organisierten Kriminalität zu begegnen, insbesondere im Bereich des Drogenhandels, der in Marseille mittlerweile fast paramilitärisch organisiert ist.

Ein Symbol politischer Ohnmacht

Der Sicherheitsdiskurs um Marseille berührt zentrale Fragen französischer Innenpolitik: Wie kann ein zentralistisch organisiertes Land wie Frankreich lokale Herausforderungen effizient adressieren? Welche Rolle spielen Bürgermeister in einem System, in dem die sicherheitspolitischen Kompetenzen beim Innenministerium liegen? Und wie groß ist der Handlungsspielraum lokaler Akteure angesichts eines strukturell überlasteten Staates?

Dass Bürgermeister Payan gerade jetzt die Stimme erhebt, ist nicht zufällig: Die Kommunalwahlen 2026 stehen bevor, und der sozialistische Amtsinhaber bewirbt sich um eine zweite Amtszeit. Doch der Wahlkampf allein erklärt nicht die Schärfe seiner Aussagen. Vielmehr spiegelt sie eine wachsende Frustration vieler Lokalpolitiker über die chronische Überforderung der staatlichen Sicherheitsorgane in sozialen Brennpunkten.

Ein verzerrtes Bild einer Stadt im Wandel

Zugleich kämpft Payan gegen das Bild einer Stadt, die ausschließlich über Kriminalität und soziale Probleme definiert wird. Der Begriff des "Marseille bashing" – eine anhaltend negative mediale Darstellung – ist längst Teil der politischen Debatte geworden. "Irgendwann muss man aufhören, systematisch auf diese Stadt einzuschlagen", so der Bürgermeister. Es sei richtig, die Probleme zu benennen, aber ebenso notwendig, andere Facetten sichtbar zu machen – etwa den kulturellen Reichtum, die wirtschaftlichen Potenziale oder die soziale Resilienz vieler Viertel.

Dass dieses Narrativ kaum verfängt, liegt jedoch nicht nur an medialer Einseitigkeit, sondern auch an der Realität vor Ort. Marseille gilt als Epizentrum eines neuen Drogenkriegs in Frankreich, bei dem sich Banden um Absatzmärkte und Reviergrenzen streiten. Laut einem Bericht der französischen Polizei von 2025 gab es im Großraum Marseille über 40 sogenannte règlements de comptes – tödliche Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen.

Ohne eine sichtbare Präsenz des Staates, so Payans Kernargument, droht eine schleichende Entstaatlichung bestimmter Stadtviertel – ein Umstand, den französische Soziologen wie Didier Fassin oder Laurent Mucchielli bereits seit Jahren kritisieren. Die Folgen wären fatal: nicht nur für die betroffenen Bewohner, sondern für das gesamte republikanische Versprechen von Gleichheit, Freiheit und Sicherheit.

Autor: P. Tiko

https://www.youtube.com/watch?v=UWSnEgberYQ

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