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„Sie wollen, dass wir endlich hinschauen“ – Missbrauchsvorwürfe in katholischen Internaten in der Bretagne – ein neuer Schritt der Aufarbeitung

Sie waren Kinder. Manche zehn, andere zwölf, einige noch jünger. Heute sind sie Erwachsene – mit Stimmen, die nicht mehr schweigen. In einem aufsehenerregenden Schritt haben am 8. Oktober 2025 ehemalige Schüler:innen dreier katholischer Bildungseinrichtungen im bretonischen Département Finistère die Justiz angerufen: Über 60 schriftliche Aussagen, die mutmaßliche körperliche, psychische und sexuelle Gewalt dokumentieren, wurden…

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Sie waren Kinder. Manche zehn, andere zwölf, einige noch jünger. Heute sind sie Erwachsene – mit Stimmen, die nicht mehr schweigen. In einem aufsehenerregenden Schritt haben am 8. Oktober 2025 ehemalige Schüler:innen dreier katholischer Bildungseinrichtungen im bretonischen Département Finistère die Justiz angerufen: Über 60 schriftliche Aussagen, die mutmaßliche körperliche, psychische und sexuelle Gewalt dokumentieren, wurden der Staatsanwaltschaft in Brest übergeben.

Die Namen der Schulen klingen harmlos: Sainte-Ursule, Notre-Dame du Kreisker, Saint-Pierre. Doch für viele stehen sie für Leidensorte. Orte der Einschüchterung, des Schweigens – und, mutmaßlich, der systematischen Misshandlung.

Drei Schulen – eine schmerzhafte Geschichte

Die betroffenen Einrichtungen liegen im Norden und Westen des Départements Finistère: Zwei in Saint-Pol-de-Léon, eine weitere in Le Relecq-Kerhuon bei Brest. Schon im Mai hatten frühere Schüler von Saint-Pierre den Mut gefunden, ihre Geschichten zu teilen – der erste Dominostein fiel. Jetzt sind es mehr. Viel mehr.

In einem öffentlichen Kommuniqué fordern die Betroffenen nicht nur juristische Aufklärung, sondern auch eine symbolische Geste: Anerkennung. Von der Kirche. Vom Staat. Von einer Gesellschaft, die zu lange weggesehen hat. Der Wunsch nach Gerechtigkeit ist ebenso präsent wie der nach Würde.

„Er trat mich die Treppe hinunter“

Die Schilderungen der Betroffenen erschüttern. Manche erzählen von Schlägen, andere von sexuellen Übergriffen. „Er trat mich die Treppe hinunter und ließ mich bewusstlos liegen“, schildert eine ehemalige Schülerin. Die Gewalt, so berichten viele, sei kein Ausrutscher gewesen, kein Einzelfall – sondern strukturell verankert. Ein System, in dem Kinder den Erwachsenen ausgeliefert waren. Und das in Einrichtungen, die den Anspruch hatten, christliche Werte zu vermitteln.

Vor allem Internate stehen im Zentrum der Vorwürfe. Orte, an denen Kontrolle und Isolation leicht Hand in Hand gehen. Ein aktueller parlamentarischer Bericht in Frankreich spricht Klartext: Das Internat sei ein „besonders anfälliger Raum für Übergriffe“.

Das macht die Vorwürfe nicht nur individuell dramatisch, sondern institutionell brisant.

Bétharram – das Beben wirkt nach

Dass solche Stimmen heute überhaupt Gehör finden, ist auch der sogenannten „Affäre Bétharram“ zu verdanken. Seit 2023 reißen ehemalige Schüler des Internats Notre-Dame de Bétharram im Département Pyrénées-Atlantiques das Schweigen auf, das Jahrzehnte lang wie Blei auf der französischen Bildungslandschaft lag. Über 150 Betroffene haben dort bereits Aussagen gemacht – zu Vorfällen, die bis in die 1950er-Jahre zurückreichen.

Die Wucht dieser Enthüllungen hat ein nationales Echo erzeugt. Immer mehr Menschen trauen sich, über das zu sprechen, was früher unaussprechlich war. Der Begriff „MeToo scolaire“ – eine Art schulisches MeToo – hat in Frankreich längst Fuß gefasst. Und was in Bétharram begann, setzt sich nun in Saint-Pol-de-Léon und Brest fort.

Justiz vs. Verjährung – ein langer Weg

Doch der Weg durch die Justiz ist kein Sprint. Im Gegenteil: Bei mutmaßlichen sexuellen Übergriffen auf Minderjährige gilt in Frankreich eine Verjährungsfrist – auch wenn sie in den letzten Jahren bereits verlängert wurde. Viele der angezeigten Taten liegen Jahrzehnte zurück. Ob sie strafrechtlich überhaupt noch verfolgt werden können, ist offen.

Die Staatsanwaltschaft in Brest hat die Aussagen jedenfalls entgegengenommen – 32 davon explizit bestätigt – und die Gendarmerie mit den Ermittlungen beauftragt. Ob ein Verfahren eröffnet wird, ist noch nicht sicher.

Parallel zur Justiz können sich die Betroffenen an eine unabhängige Instanz wenden: die INIRR, die nationale Behörde für Anerkennung und Entschädigung. Dort können Opfer kirchlichen Missbrauchs finanzielle Unterstützung und symbolische Rehabilitierung beantragen.

Doch auch hier hakt es. Zu lange Wartezeiten, zu wenig individuelle Begutachtung, zu starre Kriterien – das kritisieren viele Betroffene.

Warum dieser Moment zählt

Was nun in der Bretagne geschieht, ist mehr als ein regionaler Skandal. Es ist ein Kapitel in einem landesweiten, ja internationalen Prozess der Aufarbeitung. Die katholische Kirche, lange geschützt durch moralische Autorität und institutionelles Schweigen, steht heute unter Druck – zu reagieren, zu entschädigen, zu reformieren.

Und der Druck ist nicht nur extern.

Viele engagierte Gläubige, Lehrerinnen und Lehrer, ja selbst Priester fordern mittlerweile selbst Aufklärung und Veränderung. Das Thema ist kein „Anti-Kirchen-Kreuzzug“. Es ist ein Ruf nach Integrität.

Und: nach Verantwortung.

Denn es geht nicht nur darum, was früher geschah – sondern auch darum, wie wir heute damit umgehen.

Ein neuer gesellschaftlicher Takt?

Vielleicht sind die 60 Aussagen von Brest der Anfang eines weiteren Kapitels. Vielleicht auch der Beginn eines neuen gesellschaftlichen Takts: Weg vom Schweigen, hin zu einer Kultur des Hinhörens, des Ernstnehmens, des Erinnerns.

Die ehemaligen Schüler:innen der drei bretonischen Schulen wollen nicht Rache. Sie wollen keine mediale Selbstdarstellung. Sie wollen etwas viel Einfacheres – und viel Schwierigeres:

Dass man ihnen glaubt.

Autor: Daniel Ivers

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