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Sprudelnder Streit: Warum Perrier trotz Kritik weiter als „natürlich“ verkauft werden darf

Perrier – das prickelnde Aushängeschild französischer Lebensart – steht am Pranger. Nicht wegen seines Marketings, sondern wegen des, was in der Flasche steckt: „eau minérale naturelle“, also natürliches Mineralwasser. Doch ist es das überhaupt noch? Ein Gericht hat entschieden: Ja, zumindest vorerst. Die ikonischen grünen Flaschen dürfen weiterhin so etikettiert werden. Aber der Fall ist…

Foto Jason Jarrach

Perrier – das prickelnde Aushängeschild französischer Lebensart – steht am Pranger. Nicht wegen seines Marketings, sondern wegen des, was in der Flasche steckt: „eau minérale naturelle“, also natürliches Mineralwasser. Doch ist es das überhaupt noch?

Ein Gericht hat entschieden: Ja, zumindest vorerst. Die ikonischen grünen Flaschen dürfen weiterhin so etikettiert werden. Aber der Fall ist alles andere als abgeschlossen – er erzählt von Vertrauen, von Industriepraktiken und einem Etikett, das mehr wiegt, als es scheint.

Der Funke, der das Fass zum Überlaufen brachte

Die Verbraucherschutzorganisation UFC‑Que Choisir hatte genug. Sie zog vor Gericht, mit einem klaren Ziel: die Bezeichnung „eau minérale naturelle“ auf Perrier-Flaschen zu stoppen. Ihre Vorwürfe? Nestlé Waters, Tochter des Lebensmittelgiganten Nestlé S.A. und Betreiber der Quelle in Vergèze (Gard), habe unzulässige Verfahren eingesetzt – darunter Mikrofiltration, Aktivkohlefilter und UV-Desinfektion.

Alles Verfahren, die bei „natürlichem“ Mineralwasser eigentlich tabu sind.

Das französische Recht – und ebenso das der EU – definiert streng: Natürliches Mineralwasser stammt aus unterirdischen Quellen mit stabiler Zusammensetzung, das ohne Behandlung trinkfertig sein muss. Jede Veränderung, die die mikrobiologische oder chemische Reinheit beeinflusst, macht das Etikett wertlos. Oder sollte es zumindest.

Justiz mit angezogener Handbremse

Doch das Pariser Handelsgericht entschied anders. Es wies den Eilantrag zurück – kein Vertriebsverbot, kein Rückruf, keine Änderung am Etikett. Zumindest vorläufig.

Ein Freifahrtschein für Nestlé? Keineswegs.

Der Richter machte klar: Es handelt sich um eine Momentaufnahme. Die laufenden Verfahren – ob verwaltungsrechtlich oder strafrechtlich – bleiben unberührt. Das Etikett „eau minérale naturelle“ klebt also weiter auf der Flasche. Aber der Klebstoff könnte sich als brüchig erweisen.

Das Wasser wird trüber

Denn die Liste der offenen Baustellen ist lang.

Die Präfektur des Gard hat Nestlé Waters bereits schriftlich aufgefordert, bestimmte Filtertechnologien zu entfernen – sie seien „nicht konform“. Zudem wurden mehrere Quellfassungen in Vergèze wegen bakterieller Verunreinigungen oder unzulässiger Aufbereitung zwischenzeitlich reklassifiziert. Mit anderen Worten: Diese Quellen galten zeitweise nicht mehr als geeignet für natürliches Mineralwasser.

Noch schwerwiegender: Eine strafrechtliche Untersuchung wegen des Verdachts auf Verbrauchertäuschung läuft. Sollte sie zu einer Anklage und Verurteilung führen, drohen weitreichende Konsequenzen – nicht nur für Perrier, sondern für das gesamte Geschäftsfeld von Nestlé Waters.

Das Etikett als Vertrauenssiegel

Was auf der Flasche steht, ist kein bloßer Marketingbegriff. Die Bezeichnung „eau minérale naturelle“ hat Gewicht – rechtlich, symbolisch, emotional. Sie steht für Reinheit, Ursprünglichkeit, Sicherheit.

Gerade deshalb sind die Regeln so streng.

Der Fall Perrier zeigt, wie dünn das Eis sein kann, auf dem industrielle Prozesse balancieren, wenn sie auf den Nimbus des Natürlichen setzen. Kann man als Verbraucher noch darauf vertrauen, dass in der Flasche wirklich das drin ist, was außen draufsteht?

Oder wird „natürlich“ zum Gummibegriff, der sich dehnen lässt, bis er reißt?

Der Markt zittert – nicht nur bei Perrier

Die Konsequenzen dieses Falls könnten weit über Vergèze hinausreichen. Sollte Nestlé Waters das Prädikat „natürlich“ verlieren, wären Imageverlust und Umsatzeinbruch vorprogrammiert. Andere Marken, die mit ähnlichen Verfahren arbeiten, könnten schnell ins Visier geraten.

Was hier verhandelt wird, ist mehr als eine Etikettenfrage. Es geht um Grundsatzfragen der Regulierung, um Verbraucherschutz, um industrielle Transparenz.

Und um ein Markenversprechen, das unter Druck steht.

Und nun?

Der sprudelnde Klassiker bleibt vorerst in den Regalen – mit altbekanntem Etikett. Doch hinter den Kulissen läuft ein Wettlauf: Nestlé muss beweisen, dass seine Praktiken den Regeln entsprechen, während Behörden und Gerichte weiter prüfen, ob das Label „natürlich“ noch verdient ist.

Die nächste Instanz könnte härter urteilen. Die öffentliche Debatte jedenfalls ist entfacht – und sie wird anhalten, so lange Sprudelwasser in Frankreich nicht nur prickelt, sondern auch politisch ist.

Autor: Andreas M. Brucker

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