„Wenn wir es nicht wären, hätten andere es woanders produziert.“ Der Satz klingt nüchtern, beinahe fatalistisch. Er verweist auf eine industriepolitische Realität, die Europa lange verdrängt hatte. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 erlebt der Kontinent eine sicherheitspolitische Zäsur. In ihrem Schatten wächst eine Branche, die vielerorts als Relikt des 20. Jahrhunderts galt: die Rüstungsindustrie.
Ein besonders prägnantes Beispiel ist das Werk Forges de Tarbes am Fuß der Pyrenäen. Innerhalb von zwei Jahren hat sich der traditionsreiche Betrieb von einem spezialisierten Nischenproduzenten zu einem strategischen Knotenpunkt der europäischen Munitionsversorgung entwickelt. Die Geschichte dieser Fabrik erzählt viel über den Zustand Europas – über seine Versäumnisse, seine Reaktionsfähigkeit und die Rückkehr harter Machtpolitik.
Wiederauferstehung einer Industrie
Die Forges de Tarbes sind kein Start-up der Zeitenwende. Ihre Wurzeln reichen in eine Epoche zurück, in der Frankreich seine militärische Souveränität als selbstverständliche Voraussetzung staatlicher Handlungsfähigkeit betrachtete. Produziert werden dort keine kompletten Waffen, sondern die geschmiedeten Stahlkörper für Artilleriegranaten – insbesondere für das NATO-Standardkaliber 155 Millimeter. Diese massiven, unscheinbaren Zylinder sind das strukturelle Herz jeder Granate. Ohne sie keine Munition, ohne Munition keine Artillerie.
Vor Beginn des Ukraine-Kriegs bewegte sich die Nachfrage in recht engen Bahnen. Europa hatte seine Armeen nach dem Ende des Kalten Krieges verkleinert, Lagerbestände reduziert und Produktionslinien stillgelegt. Die sogenannte Friedensdividende führte zu Effizienzgewinnen, aber auch zu strukturellen Abhängigkeiten. Artilleriemunition galt als Massenware einer vergangenen Epoche.
Der Krieg im Osten Europas widerlegte diese Annahme in drastischer Weise. Der Artillerieeinsatz erreichte Dimensionen, wie man sie in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehen hatte. Schätzungen westlicher Militärs zufolge verschießt die Ukraine – ebenso wie Russland – teils mehrere tausend Granaten pro Tag. Hochgerechnet auf ein Jahr summiert sich das auf Millionen Einheiten. Selbst die Vereinigten Staaten mussten ihre Produktionskapazitäten erheblich ausweiten.
In Tarbes reagierte man mit einer beispiellosen Skalierung. Die Produktion der Granatenkörper wurde innerhalb kurzer Zeit um ein Vielfaches gesteigert. Neue Maschinen wurden installiert, zusätzliche Fachkräfte eingestellt, Schichtsysteme ausgeweitet. Was zuvor industrielle Kontinuität bedeutete, gleicht heute einer permanenten Hochlastphase. Der Standort ist vom Randphänomen zur Schlüsselressource geworden.
Strategische Autonomie – von der Doktrin zur Notwendigkeit
Frankreich hat den Begriff der strategischen Autonomie über Jahrzehnte kultiviert. Von Charles de Gaulle bis Emmanuel Macron zog sich die Idee, militärische und industrielle Unabhängigkeit als Kern staatlicher Souveränität zu begreifen. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffte lange eine Lücke. Globalisierte Lieferketten, Kostendruck und europäische Arbeitsteilung hatten die nationale Produktionsbasis ausgedünnt.
Der Ukraine-Krieg fungiert nun als Realitätsprüfung. Frankreich liefert Waffen und Munition an Kiew, darunter auch das Artilleriesystem CAESAR, und muss zugleich eigene Bestände wieder auffüllen. Die Industrie wird so zum neuralgischen Punkt sicherheitspolitischer Glaubwürdigkeit.
Die Forges de Tarbes sind Teil eines größeren Geflechts, das unter anderem den Rüstungskonzern Nexter beliefert, der inzwischen im deutsch-französischen Verbund KNDS aufgegangen ist. Damit ist der Standort nicht nur ein nationales, sondern ein europäisches Element der Verteidigungsarchitektur. Die Diskussion um „strategische Autonomie“ erhält hier eine konkrete, materielle Dimension: Autonomie beginnt mit Stahl, Energie und qualifizierten Arbeitskräften.
Ökonomische Impulse in der Provinz
Tarbes zählt rund 40.000 Einwohner. Die Region Hautes-Pyrénées war – wie viele ländliche Räume Frankreichs – von Deindustrialisierung, Abwanderung und strukturellem Wandel geprägt. Dass ausgerechnet ein Rüstungsbetrieb neue Dynamik entfaltet, verleiht der Entwicklung eine ambivalente Note.
Die Ausweitung der Produktion bedeutet Investitionen in Millionenhöhe, neue Ausbildungsplätze, Kooperationen mit technischen Schulen und Zulieferbetrieben. Lokale Wertschöpfungsketten werden reaktiviert, Steuereinnahmen steigen, Kaufkraft bleibt in der Region. Für viele Beschäftigte überwiegt die soziale Sicherheit eines stabilen Arbeitsplatzes die ethische Distanz zum Endprodukt.
Gleichzeitig stellt sich die Frage nach der Nachhaltigkeit dieses Aufschwungs. Ist er strukturell oder konjunkturell? Hängt die ökonomische Perspektive einer Region künftig von der Dauer eines Krieges ab? Der eingangs zitierte Satz verweist auf eine globale Logik: In einem internationalen Markt unter politischem Zeitdruck entscheiden Kapazitäten über Aufträge. Wer liefern kann, gewinnt.
Europas Munitionsdefizit
Die Europäische Union hat auf die Engpässe mit milliardenschweren Programmen reagiert. Ziel ist es, die Produktionskapazitäten für 155-mm-Munition drastisch zu erhöhen. Die vergangenen Jahrzehnte hatten gezeigt, dass Effizienzsteigerungen und Just-in-time-Produktion im Verteidigungssektor an Grenzen stoßen, wenn ein konventioneller Abnutzungskrieg Realität wird.
Artillerie gilt unter Militärstrategen weiterhin als „Königin des Gefechts“. Ihre Bedeutung im Ukraine-Krieg hat westliche Planer überrascht. Die industrielle Basis, die für einen solchen Munitionsverbrauch nötig ist, lässt sich jedoch nicht über Nacht aufbauen. Schmiedepressen, Spezialstähle, Explosivstoffe, qualifiziertes Personal – all das unterliegt langen Vorlaufzeiten.
Hier zeigt sich die strategische Relevanz von Standorten wie Tarbes. Es geht nicht allein um Stückzahlen, sondern um Qualitätssicherung, Standardisierung nach NATO-Normen und die Einbindung in komplexe Lieferketten. Moderne Rüstungsproduktion ist Hochtechnologie – digitalisiert, zertifiziert, kontrolliert. Sie verbindet klassische Schwerindustrie mit präziser Ingenieurskunst.
Moralische Grauzonen und politische Pragmatik
In Frankreich ist die Debatte über Rüstungsproduktion weniger polarisiert als in Deutschland, doch auch hier existieren Spannungen. Friedensinitiativen warnen vor einer Normalisierung der Kriegswirtschaft. Gewerkschaften und regionale Politiker betonen hingegen die industrielle Kompetenz und Arbeitsplatzsicherung.
Die Regierung argumentiert offiziell mit Verteidigungsfähigkeit und europäischer Solidarität. Wirtschaftliche Gewinne stehen rhetorisch im Hintergrund. Doch faktisch profitiert die Branche von staatlichen Aufträgen und langfristigen Budgeterhöhungen. Frankreich hat sein Verteidigungsbudget deutlich angehoben und plant über Jahre hinweg steigende Ausgaben.
Der eingangs zitierte Satz bringt die Ambivalenz auf den Punkt. Er ist weder triumphierend noch entschuldigend. Er beschreibt eine politische Realität, in der Unterlassung selbst zum Risiko wird. In einer Welt, in der Russland seine Rüstungsproduktion massiv steigert und die USA ihre industrielle Basis ausbauen, erscheint industrielle Passivität als strategische Schwäche.
Eine neue industrielle Normalität
Was in Deutschland unter dem Schlagwort „Zeitenwende“ diskutiert wird, vollzieht sich in Frankreich pragmatisch und industriepolitisch eingebettet. Die Forges de Tarbes stehen exemplarisch für diesen Wandel: von der randständigen Spezialfabrik zum strategischen Knotenpunkt europäischer Sicherheit.
Ob diese Dynamik dauerhaft bleibt, hängt vom weiteren Verlauf des Ukraine-Kriegs und von der sicherheitspolitischen Architektur Europas ab. Selbst im Fall eines Waffenstillstands wird die Erfahrung des Mangels nachwirken. Wahrscheinlich ist, dass europäische Staaten künftig höhere Munitionsreserven vorhalten und industrielle Kapazitäten bewusst redundant gestalten.
Die Geschosse aus Tarbes sind damit mehr als bloße Stahlprodukte. Sie sind Ausdruck einer Epoche, in der Europa seine sicherheitspolitische Unschuld verloren hat. Industriepolitik ist wieder Machtpolitik. Und eine Fabrik in den Pyrenäen ist Teil einer strategischen Gleichung geworden, die weit über Frankreich hinausreicht.
Autor: P. Tiko