Es gibt Orte, die man einmal im Leben gesehen haben muss. Der Weihnachtsmarkt in Straßburg gehört zweifellos dazu.
Wenn sich die engen Gassen der elsässischen Altstadt in ein Lichtermeer verwandeln, wenn der Duft von Glühwein und Zimtsternen durch die Straßen zieht und über der Place Kléber der große Weihnachtsbaum leuchtet wie ein nordischer Stern – dann beginnt im Herzen Europas eine der zauberhaftesten Zeiten des Jahres. Straßburg nennt sich in dieser Phase nicht ohne Grund selbstbewusst „Capitale de Noël“, Hauptstadt des Weihnachtsfestes.
Die Eröffnung des traditionsreichen Weihnachtsmarktes, der seine Wurzeln bis ins Jahr 1570 zurückverfolgt, ist für Jeanne Barseghian, die grüne Bürgermeisterin der Stadt, ein Ereignis von beinahe sakralem Charakter. „Man arbeitet das ganze Jahr über darauf hin“, sagt sie im Interview mit dem Sender FranceInfo. Kein Wunder – dieser Markt ist nicht bloß ein Fest der Sinne, sondern auch ein logistisches Großprojekt, das jedes Jahr rund 3,4 Millionen Besucher anzieht.
Eine solche Masse zu bändigen, ohne den Zauber zu verlieren, ist eine Kunst. Und Straßburg hat gelernt, sie zu beherrschen.
In den vergangenen Jahren wurde kräftig umorganisiert. Die Gassen des Marktes wurden verbreitert, das Angebot auf verschiedene Plätze in der Stadt verteilt. Ein Ort für Kinder hier, ein Kulturspot dort – jede Ecke hat ihre eigene Atmosphäre, ihre eigene Geschichte. So wird der Andrang entzerrt, die Innenstadt bleibt trotz des Ansturms lebenswert. Und das für alle: Touristen, Einheimische, Berufstätige. Selbst der Trambetrieb läuft weiter – ein kleines logistisches Wunder inmitten der Menschenmassen.
Und wer glaubt, es handle sich bloß um einen einzigen Weihnachtsmarkt rund um das Münster, der irrt gewaltig. Neun Stadtteile schmücken sich inzwischen mit eigenen kleinen Märkten, Veranstaltungen und Lichterspielen. Straßburg zur Weihnachtszeit ist ein dezentralisiertes Fest – nicht mehr nur konzentriert auf das historische Zentrum, sondern verteilt über die gesamte Stadt. So wird aus einem touristischen Magneten ein kommunales Erlebnis.
Bürgermeisterin Barseghian betont diesen Aspekt immer wieder: Es geht ihr nicht nur um Besucherrekorde, sondern um Lebensqualität. Um ein Fest für alle. Und um Nachhaltigkeit.
Denn während sich in vielen Städten Europas die Märkte zunehmend zum Tempel der Massenkonsumfreude entwickeln, setzt Straßburg auch auf alternative Modelle. Ein Beispiel ist der sogenannte „Marché Off“, ein alternativer Weihnachtsmarkt auf der Place Grimmeissen, der dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert. Hier stehen lokale Handwerkskunst, Produkte aus der Region und ökologisch orientierte Anbieter im Mittelpunkt. Eine besinnliche Alternative zum Geschenkerausch – charmant, leise und bewusst.
Natürlich hat das Fest auch eine ökonomische Seite. Laut Bürgermeisterin Barseghian werden während der vier Wochen rund 40 Prozent des Jahresumsatzes vieler Händler erwirtschaftet. Der Weihnachtsmarkt ist damit nicht nur ein kulturelles Ereignis, sondern auch ein ökonomischer Motor. Für Gastronomen, Kunsthandwerker, Hoteliers – für viele hängt viel von dieser einen Saison ab.
Gleichzeitig ist der Markt ein touristischer Leuchtturm, der Menschen aus aller Welt anzieht – und sie häufig zu Wiederholungstätern macht. Wer einmal durch die funkelnden Gassen geschlendert ist, kommt oft wieder, sei es im Frühling, im Sommer oder zur nächsten Adventszeit. Denn Straßburg ist mehr als sein Weihnachtsmarkt. Doch der Weihnachtsmarkt ist sein funkelndes Herz.
Dass dies alles funktioniert, ist keine Selbstverständlichkeit. Sicherheit ist ein großes Thema – vor allem seit dem Anschlag im Jahr 2018, der tiefe Spuren in der Stadt hinterlassen hat. Heute überwacht ein ausgefeiltes Sicherheitskonzept das Geschehen, 15.000 Park-and-Ride-Plätze erleichtern die Anreise, der Verkehr wird bewusst aus dem Zentrum herausgehalten. So entsteht ein Gleichgewicht zwischen offenen Toren und geschützten Räumen, zwischen Trubel und Kontrolle.
Und dennoch: Der Zauber bleibt.
Denn trotz aller Planung, aller Maßnahmen, aller Sicherheitsvorkehrungen – das, was diesen Weihnachtsmarkt so besonders macht, ist schwer in Worte zu fassen. Vielleicht ist es die Mischung aus jahrhundertealter Tradition und urbanem Leben. Vielleicht ist es der Glanz der Fachwerkhäuser im Kerzenschein. Vielleicht sind es die Stimmen der Chöre in der eisigen Luft, die Gerüche, die Farben, das Gefühl, für einen Moment in einer anderen Welt zu sein.
Jeanne Barseghian bringt es auf den Punkt: „Den Straßburger Weihnachtsmarkt muss man einmal im Leben erlebt haben.“
Und wer weiß – vielleicht reicht dieses eine Mal nicht.
Von C. Hatty