Frankreich verschärft seine Einbürgerungspolitik – und das deutlich. Innenminister Bruno Retailleau hat kürzlich eine neue Verwaltungsvorschrift an die Präfekturen herausgegeben, die strengere Anforderungen an Menschen stellt, die die französische Staatsbürgerschaft erwerben möchten. Ein fünfseitiges Dokument, begleitet von der „Charte des droits et devoirs du citoyen français“, also der Charta der Rechte und Pflichten französischer Staatsbürger, markiert einen Kurswechsel in der Integrationspolitik.
Worum geht’s konkret?
Die neuen Vorgaben folgen einem klaren Leitbild: Nur wer sich in Sprache, Werten, Beruf und Verhalten als vorbildlich zeigt, soll eingebürgert werden. Integration – ja, aber nach Maßstäben, die enger gezogen wurden als je zuvor.
Die neuen Hürden im Überblick
Gleich mehrere Kriterien werden nun deutlich strenger bewertet:
- Französischkenntnisse: Die Sprachanforderungen wurden angehoben – orientiert an der 2024 verabschiedeten „Loi Darmanin“. Wer eingebürgert werden will, muss das Französische auf höherem Niveau beherrschen – nicht nur im Alltag, sondern auch im beruflichen Kontext.
- Republikanische Werte: Künftig müssen Bewerber ihre Loyalität gegenüber der Republik unter Beweis stellen – ein civics-test soll dies sicherstellen. Es geht um die Prinzipien von Laizität, Gleichheit, Demokratie – und um deren praktische Akzeptanz.
- Berufliche Eingliederung: Ohne mindestens fünf Jahre Erwerbstätigkeit sieht es schlecht aus für eine Einbürgerung. Eine deutlich schärfere Auslegung als bisher, wo oft auch kürzere oder unterbrochene Erwerbsverläufe akzeptiert wurden.
- Finanzielle Stabilität: Antragsteller müssen stabile Einkünfte vorweisen – Sozialleistungen zählen ausdrücklich nicht dazu. Die finanzielle Unabhängigkeit gilt als Nachweis für die Fähigkeit, sich selbst zu tragen und Verantwortung zu übernehmen.
- Einwandfreier Aufenthalt: Wer sich längere Zeit illegal in Frankreich aufgehalten hat, soll künftig grundsätzlich nicht mehr eingebürgert werden. Die Präfekten haben hier ein wachsames Auge – „exemplarisches Verhalten“ wird zum zentralen Prüfstein.
Verantwortung bei den Präfekten
Die neue Regelung überträgt den Präfekten – den höchsten Verwaltungsbeamten der Départements – eine zentrale Rolle. Sie sollen die Vorschriften nicht nur anwenden, sondern auch kontrollieren und regelmäßig berichten. Innerhalb von drei Monaten ist ein erster Umsetzungsbericht an das Innenministerium zu liefern.
Damit will man sichergehen, dass die neuen Vorgaben nicht nur auf dem Papier existieren, sondern auch vor Ort mit Nachdruck durchgesetzt werden.
Der politische Hintergrund
Retailleau, der seit Anfang 2025 das Innenministerium leitet, hat sich den Ruf eines Hardliners erarbeitet. Bereits im Januar strich er die sogenannte „Circulaire Valls“ aus dem Jahr 2012 – ein Dokument, das bis dahin die Regularisierung von Papierlosen in Einzelfällen ermöglichte. Die neue Linie ist klar: weniger Toleranz, mehr Selektion.
Doch ist das der richtige Weg?
Während konservative Stimmen die Reform begrüßen und von einer „dringend notwendigen Klarstellung“ sprechen, sehen Kritiker eine Gefahr für die soziale Kohäsion. Denn viele Menschen, die seit Jahren in Frankreich leben, arbeiten und integriert sind – aber vielleicht einmal einen unregelmäßigen Aufenthalt hatten oder nur prekär beschäftigt sind – könnten künftig ausgeschlossen bleiben.
Was bedeutet das für Frankreich?
Einwanderung bleibt eines der polarisierendsten Themen in der französischen Politik. Die Verschärfung der Einbürgerungskriterien könnte das Thema weiter emotionalisieren – und ist womöglich auch ein Signal an rechte Wählerschichten im Vorfeld der nächsten Wahlen.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob strenge Regeln allein ausreichen, um Integration zu fördern. Oder ob sie nicht vielmehr den gegenteiligen Effekt haben – nämlich Entfremdung und Perspektivlosigkeit.
Denn eines ist sicher: Die Identifikation mit einem Land entsteht nicht nur durch Tests, Nachweise und Formulare – sondern auch durch Anerkennung, Teilhabe und ein Gefühl von Zugehörigkeit.
Und so bleibt Frankreich am Scheideweg: Will es ein offenes Land sein, das Menschen Chancen gibt, sich einzubringen – oder ein Staat, der sich durch bürokratische Barrieren abschottet?
Catherine H.