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Süßkartoffeln aus der Drôme – wie ein Exot Wurzeln schlägt

Die Drôme. Eine Region, die man eher mit Lavendel, Aprikosen und Bio-Wein verbindet als mit tropischen Knollen. Und doch ist sie gerade dabei, sich als französisches Zentrum für den Anbau der Süßkartoffel zu etablieren – eine Kultur, die einst als zu exotisch galt für den Boden und das Klima Mitteleuropas. Aber wie kam es dazu?…

Foto Rajesh Kavasseri

Die Drôme. Eine Region, die man eher mit Lavendel, Aprikosen und Bio-Wein verbindet als mit tropischen Knollen. Und doch ist sie gerade dabei, sich als französisches Zentrum für den Anbau der Süßkartoffel zu etablieren – eine Kultur, die einst als zu exotisch galt für den Boden und das Klima Mitteleuropas. Aber wie kam es dazu? Und was macht die Süßkartoffel zum Hoffnungsträger in einer Region im Wandel?

Ein Wagnis mit Geschmack – und Zukunft

Vor zehn Jahren hätte kaum jemand darauf gewettet: eine tropische Pflanze, ursprünglich beheimatet in Mittel- und Südamerika, die in der südostfranzösischen Drôme gedeiht? Die Süßkartoffel braucht Sonne, Wärme, durchlässige Böden. All das schien auf den ersten Blick nicht ausreichend gegeben in dieser Übergangsregion zwischen Alpen und Mittelmeer.

Doch dann kam Bruno Jurrus. Landwirt aus Montmeyran, Querdenker mit Gespür für Markt und Boden. 2014 wagte er erste Tests – biologischer Anbau, auf einem Hektar. Die Knollen wuchsen. Also vergrößerte er die Fläche. Heute sind es bis zu 20 Hektar, die jährlich über 600 Tonnen Süßkartoffeln liefern. Und Bruno Jurrus ist längst nicht mehr allein.

Auch andere Betriebe ziehen nach: „Charmes en Légumes“ produziert Süßkartoffeln im Wechsel mit Wintergemüse. Die Brüder Chabirand bewirtschaften 14 Hektar mit dem begehrten Knollengemüse. In Supermärkten und Hofläden der Region taucht die „Patate douce de la Drôme“ immer häufiger auf – mit dem Stempel: lokal, bio, saisonal.

Klima, Know-how, Kundschaft – ein günstiges Zusammenspiel

Wie schafft es die Drôme, diesen Exoten zur heimischen Pflanze zu machen?

Einmal wären da die klimatischen Bedingungen: Die Sommer sind warm genug, der Sonnenstand hoch, das Terrain stellenweise windgeschützt – nicht perfekt, aber ausreichend. Dann die starke Biolandbau-Tradition: Über Jahre wurde Wissen aufgebaut, alternative Kulturen wurden ausprobiert, das Netzwerk zwischen Erzeugern ist eng.

Und nicht zuletzt: die Nachfrage. Französische Verbraucher achten zunehmend auf Herkunft, Qualität und Umweltbilanz ihrer Einkäufe. Eine in der Region gewachsene Bio-Süßkartoffel trifft da einen Nerv – besonders, wenn sie im Direktverkauf oder über kurze Vertriebsketten angeboten wird.

Doch einfach ist anders

So verheißungsvoll die Erfolgsgeschichte klingt – sie ist mit einigen Stolpersteinen gepflastert.

Der größte? Wissen. In Frankreich gibt es kaum agronomische Literatur zur Süßkartoffel. Wer hier anbaut, muss experimentieren: Welche Sorte bringt Ertrag? Wie reagiert sie auf Spätfröste oder Dürreperioden? Wann ist der ideale Erntezeitpunkt? Viele Landwirte arbeiten mit Versuchsanlagen, vergleichen, dokumentieren – oft auf eigene Faust.

Dazu kommen hohe Produktionskosten: Die Setzlinge müssen vorgezogen, das Feld mehrfach bearbeitet, die Ernte per Hand oder spezieller Technik eingebracht werden. Und dann das Wetter: ein kühler Sommer oder ein Frost im September – schon ist die Ernte bedroht.

Aktuell deckt die französische Produktion im besten Fall rund 40 Prozent des landesweiten Bedarfs zwischen September und Januar. Der Rest kommt aus Spanien, Israel oder den USA. Die Drôme hat also ein großes Stück Kuchen vor sich – aber muss dafür ihre Hausaufgaben machen.

6,90 Euro pro Kilo – zu viel?

Ein Blick auf die Preise zeigt: Lokale Bio-Süßkartoffeln sind kein Schnäppchen. Die „Jardins de Gérard“ in der Drôme verkaufen sie im Direktvertrieb für rund 6,90 Euro pro Kilo. Das spiegelt nicht nur die Produktionskosten, sondern auch die Positionierung: Premium statt Massenware.

Die große Frage: Bleiben die Kunden dabei, wenn günstigere Importware danebenliegt? Oder überzeugt der lokale Bezug langfristig mehr als der Preis?

Zwischen Nische und Zukunftsmodell

Klar ist: Die Drôme wird nie die Provence oder Andalusien in puncto Süßkartoffel-Produktion überholen. Doch sie kann ein französisches Kompetenzzentrum werden. Ein Ort, an dem man experimentiert, lernt, weitergibt. Ein Vorbild für andere Regionen mit ähnlichem Klima, die nach Alternativen suchen – ökologisch wie ökonomisch.

Was dafür noch fehlt?

Mehr Austausch: Erzeugergemeinschaften, Info-Tage, gemeinsame Forschung mit landwirtschaftlichen Instituten. Mehr politische Unterstützung: Subventionen für Umstellung, Förderung innovativer Anbaumethoden, Aufbau eines Labels „Patate douce de la Drôme“. Und: eine gezielte Züchtung von Sorten, die besser mit mitteleuropäischen Bedingungen klarkommen.

Denn der Markt ist da. Die Kundschaft ist offen. Und der Boden? Der scheint bereit.

Kann ein tropisches Gemüse zur regionalen Spezialität werden?

Die Drôme gibt die Antwort – mit Geschmack, Pioniergeist und einer Prise Bauernschläue.

Autor: Daniel Ivers

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