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Terror im Gefängnis: Der Fall Michaël Chiolo vor Gericht

Sechs Jahre sind vergangen seit dem brutalen Angriff im Hochsicherheitsgefängnis von Condé-sur-Sarthe. Was als scheinbar gewöhnlicher Besuchstag begann, endete in einem blutigen Attentat – nun beginnt in Paris der Prozess gegen Michaël Chiolo und vier mutmaßliche Komplizen. Ein Messerangriff im „Wohnzimmer des Gefängnisses“ Am 5. März 2019 nutzte Michaël Chiolo ein Privileg, das wenigen Häftlingen…

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Sechs Jahre sind vergangen seit dem brutalen Angriff im Hochsicherheitsgefängnis von Condé-sur-Sarthe. Was als scheinbar gewöhnlicher Besuchstag begann, endete in einem blutigen Attentat – nun beginnt in Paris der Prozess gegen Michaël Chiolo und vier mutmaßliche Komplizen.

Ein Messerangriff im „Wohnzimmer des Gefängnisses“

Am 5. März 2019 nutzte Michaël Chiolo ein Privileg, das wenigen Häftlingen zusteht: den Besuch in einer sogenannten „UVF“ – einer Art Mini-Wohnung, wo Gefangene Zeit mit ihren Angehörigen verbringen dürfen. An diesem Tag war er dort mit seiner Partnerin Hanane Aboulhana.

Was dann passierte, erschütterte die Sicherheitsarchitektur französischer Gefängnisse bis ins Mark. Chiolo und Aboulhana griffen zwei Wachbeamte mit Keramikmessern an. Beide wurden schwer verletzt und überlebten nur, weil sie sich in letzter Sekunde befreien und das Paar einschließen konnten.

Wenige Stunden später eskalierte die Situation endgültig: Chiolo behauptete, für den IS zu handeln, wollte den Straßburger Weihnachtsmarkt-Attentäter Chérif Chekatt rächen – und gaukelte den Einsatzkräften des RAID eine Sprengstoffweste vor. Beim finalen Zugriff wurde Aboulhana erschossen, Chiolo verletzt.

Der Prozess: Eine Suche nach Antworten

Seit dem 2. Juni 2025 stehen Chiolo und vier mutmaßliche Unterstützer in Paris vor Gericht. Einer der Angegriffenen, ein erfahrener Justizvollzugsbeamter, ist bis heute traumatisiert. Sein Anwalt, Laurent Franck Liénard, bringt es auf den Punkt: „Er versteht nicht, warum er beinahe grundlos ermordet worden wäre.“

Und es bleibt eine bohrende Frage offen: Wie konnten die Waffen überhaupt ins Gefängnis gelangen?

Sicherheitspannen, die heute niemand mehr ignorieren kann

Der Sicherheitschef der Justizvollzugsgewerkschaft FO, Kevin Gripon, übt scharfe Kritik: Damals sei man zu nachlässig gewesen – es habe kaum Kontrollen bei Besuchen gegeben. Ein Beispiel: Während Weihnachten oder Ramadan durften Häftlinge offiziell fünf Kilo an Geschenken empfangen. Tatsächlich wurden teils bis zu 50 Kilo zugelassen.

Eine groteske Realität – „um die soziale Ruhe zu erkaufen“, wie Gripon offen sagt.

Nach dem Anschlag zog man die Zügel jedoch deutlich an. Plötzlich funktionierten Abläufe, es gab mehr Personal, mehr Struktur. So makaber es klingt – erst durch das Attentat bekam die Anstalt das Sicherheitsniveau, das sie von Anfang an hätte haben müssen.

Die Schatten der Radikalisierung hinter Gittern

Michaël Chiolo galt bereits vor dem Angriff als gefährlicher Islamist. Er hatte sich im Gefängnis radikalisiert, war wegen Mordes verurteilt und verbüßte eine 30-jährige Haftstrafe. Sein Anwalt, Romain Ruiz, sieht einen Teil der Verantwortung beim System: Chiolo sei psychisch stark angeschlagen gewesen, durch ständige Isolation und unmenschliche Bedingungen.

Kurz vor Prozessbeginn kam er sogar erneut in den Disziplinartrakt von Fresnes – was seinen emotionalen Zustand weiter verschärft haben dürfte.

Doch wie glaubwürdig ist diese Argumentation?

Komplizen unter Verdacht

Neben Chiolo sitzen vier weitere Häftlinge auf der Anklagebank. Sie sollen ihm bei der Planung geholfen haben. Details zur Zusammenarbeit der Gruppe liegen bislang kaum vor – doch die Ermittlungen deuten auf ein Netzwerk innerhalb der Gefängnismauern hin.

Sollte sich der Verdacht bestätigen, wirft das ein düsteres Licht auf die Kontrollmechanismen im Strafvollzug. Wie groß ist das Problem islamistischer Parallelstrukturen in französischen Gefängnissen wirklich?

Der Preis des Friedens im Gefängnis

Was diese Tat deutlich gemacht hat: Wer Sicherheit vernachlässigt, um den „Betrieb am Laufen zu halten“, riskiert Leben. Das galt nicht nur für die beiden Wachleute – sondern auch für das Vertrauen in ein System, das gefährliche Extremisten nicht unter Kontrolle hatte.

Heute gehört Condé-sur-Sarthe zu den bestbewachten Einrichtungen des Landes. Ab Herbst 2025 soll es sogar einen von zwei Standorten stellen, die für die gefährlichsten Drogenbosse reserviert sind.

Ein drastischer Wandel – geboren aus einer Katastrophe.

Von Andreas M. Brucker