Frankreich steht unter Druck. Die Terrorgefahr hat ein Ausmaß erreicht, das selbst erfahrene Sicherheitsexperten alarmiert. Innenminister Bruno Retailleau, seit September 2024 im Amt, hat kürzlich einen verstörenden Überblick über die aktuelle Sicherheitslage gegeben – und der hat es in sich.
Allein seit seinem Amtsantritt konnten sechs islamistische Anschlagspläne vereitelt werden. Ein deutliches Zeichen dafür, wie hoch die Bedrohungslage inzwischen eingeschätzt wird. Bei einem Auftritt in der Sendung „Les 4 vérités“ auf France 2 fand der Minister klare Worte: „Die Bedrohung war noch nie so präsent wie heute.“
Ein ganz aktueller Fall aus dem Norden des Landes bestätigt diese Einschätzung. Dort wurde ein Anschlag verhindert, der laut Retailleau eindeutig islamistisch motiviert war. Die Ermittlungen laufen, aber bereits jetzt steht fest: Es hätte Schlimmes passieren können.
Doch was das Innenministerium besonders beunruhigt, ist der Wandel innerhalb der Täterprofile.
Jünger, radikaler, unauffälliger
Retailleau warnte eindringlich vor einer neuen Entwicklung. Die Bedrohung komme heute vor allem „von innen“. Und sie werde jünger. Rund 70 Prozent der Verdächtigen, die mit den jüngsten Anschlagsplänen in Verbindung stehen, sind laut Ministerium jünger als 21 Jahre – viele von ihnen radikalisiert im Internet.
Was passiert da mit unserer Jugend?
Die Behörden sehen sich einer Generation gegenüber, die in dunklen Ecken des Netzes abrutscht, oft unbemerkt vom Umfeld. Es sind keine klassischen Extremisten mehr – es sind Schüler, Auszubildende, manchmal sogar Kinder.
Ein Blick auf die Zahlen
Seit dem Terrorjahr 2015 wurden laut Angaben der französischen Sicherheitsbehörde DGSI insgesamt 79 Anschläge in Frankreich vereitelt. Die Gefahr sei laut dem Anti-Terror-Chef der DGSI nach wie vor extrem hoch – insbesondere durch die Lage in Syrien und im Gazastreifen, die immer wieder radikale Fantasien anheizt.
Diese äußeren Konflikte treffen in Frankreich auf einen fruchtbaren Boden. Die Verbindung aus globalen Spannungen und einer digital radikalisierten Jugend ergibt eine hochexplosive Mischung.
Maximale Wachsamkeit gefordert
Retailleau hat umgehend reagiert. In einem offiziellen Schreiben forderte er von allen Präfekten und Sicherheitsbehörden „höchste Wachsamkeit“. Auch islamistischer Aktivismus im Inland steht verstärkt im Fokus der Ermittlungen.
Klar ist: Die Bedrohung ist nicht mehr nur importiert – sie wächst im eigenen Land. Und genau das macht sie so gefährlich.
Was jetzt geschehen muss
Die Terrorabwehr allein wird nicht reichen. Der Staat braucht einen langen Atem – und eine Strategie, die weit über Sicherheitsmaßnahmen hinausgeht. Besonders die Online-Radikalisierung junger Menschen muss stärker ins Visier genommen werden.
Medienkompetenz, Bildung und Prävention sollten genauso im Zentrum stehen wie klassische Überwachung. Denn wer Jugendliche erreicht, bevor sie sich in radikalen Filterblasen verlieren, kann verhindern, dass sie sich überhaupt erst auf den Weg ins Extrem machen.
Es braucht ein Netzwerk: Schulen, Eltern, Soziale Medien, Behörden – alle müssen wachsam sein, handeln, bevor es zu spät ist.
Frankreich im Kampf gegen das Unsichtbare
Die aktuelle Bedrohung ist schwer fassbar. Sie versteckt sich hinter Profilbildern, in verschlüsselten Chats, in stillen Gedanken. Und genau deshalb ist sie so gefährlich. Frankreich befindet sich in einem Kampf gegen Unsichtbare – und dieser Kampf erfordert mehr als Polizei und Justiz.
Er erfordert eine Gesellschaft, die hinschaut. Die zuhört. Die Fragen stellt. Wie zum Beispiel: Was läuft hier eigentlich schief?
Die Antwort darauf ist komplex. Aber eins ist sicher: Die Zeit der Illusionen ist vorbei. Es braucht Mut, Ehrlichkeit und Entschlossenheit – und zwar jetzt.
Von C. Hatty