Es sind Bilder, die sich festsetzen. Ein Mann liegt am Boden, Stimmen überschlagen sich, jemand ruft um Hilfe. Kurz darauf später steht fest: El Hacen Diarra, 35 Jahre alt, Mauritanier, ist tot. Gestorben in der Nacht vom 14. auf den 15. Januar in einem Pariser Polizeirevier. Seither wächst die Unruhe, auf den Straßen wie in der politischen Debatte. Paris, Stadt der Lichter, ringt erneut mit einem dunklen Kapitel.
Rund tausend Menschen versammelten sich am Sonntag im 20. Arrondissement, Kerzen in den Händen, Wut in den Gesichtern. Sie kamen, um El Hacen Diarra zu gedenken, aber auch, um Fragen zu stellen. Zu viele. Zu drängend. Der Mann war am Mittwochabend zuvor von Polizisten kontrolliert worden. Der Vorwurf: Besitz von Cannabis. Ein alltäglicher Vorgang, sollte man meinen, einer von tausenden. Doch dieser endete tödlich.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft beobachteten Beamte der sogenannten Brigades territoriales de contact, wie Diarra einen Joint drehte. Als er sich der Durchsuchung widersetzt habe, sei es zur Festnahme gekommen. Dabei stürzte er, riss zwei Polizisten mit sich zu Boden. Ein Beamter setzte einen Taser ein, traf ihn am Knöchel. Schon hier beginnt das Geschehen, sich zu verdichten, wie ein Gewitter, das man kommen sieht, aber nicht mehr aufhalten kann.
Im Kommissariat des 20. Arrondissements verschlechterte sich sein Zustand. Videoaufnahmen aus dem Inneren zeigen einen Mann, der sich kaum noch auf den Beinen halten kann, gestützt von zwei Polizisten, erschöpft, apathisch. Er sackt zusammen, bleibt sitzen. Ein Beamter bemerkt, dass er uriniert hat, bringt eine Decke, ein anderer fühlt den Puls, legt ihn hin, nimmt ihm die Handschellen ab. Kurz darauf der Zusammenbruch. Herzstillstand. Wiederbelebungsversuche. Um 0.20 Uhr wird der Tod festgestellt.
Parallel dazu kursieren im Netz andere Bilder. Gefilmt von einem Anwohner, aufgenommen wenige Meter von Diarras Unterkunft entfernt. Die Authentizität gilt als gesichert. Man sieht, wie ein Polizist auf dem Mann kniet, wie Schläge folgen, wie Diarra stöhnt, fleht, ruft: „Ihr würgt mich.“ Zwei Schläge sind klar erkennbar, bestätigt inzwischen auch von der Staatsanwaltschaft. Die Szene dauert über eine Minute. Eine Ewigkeit, wenn man am Boden liegt.
Diese Bilder haben etwas ausgelöst. Empörung, alte Wunden, neue Vorwürfe. Die Ermittlungen laufen nun auf mehreren Ebenen. Die Staatsanwaltschaft in Paris hat ein Ermittlungsverfahren wegen „Gewalt mit Todesfolge“ eröffnet. Parallel ermittelt die Inspection générale de la police nationale, die interne Kontrollinstanz der Polizei. In solchen Fällen, heißt es, sei dieses Vorgehen üblich. Für die Familie klingt das hohl.
Ihr Anwalt spricht von einer verspäteten Reaktion der Justiz, von verlorenen Tagen, in denen Spuren hätten gesichert werden müssen. Fünf Tage, sagt er, seien vergangen, bevor ein Untersuchungsrichter eingeschaltet wurde. Fünf Tage, die Misstrauen säen. Worte wie „Vertuschung“ machen die Runde. Ob zu Recht, wird zu klären sein. Doch allein ihr Gewicht zeigt, wie angespannt die Lage ist.
Auch medizinisch bleiben viele Fragen offen. Die ersten Ergebnisse der Autopsie liefern kein eindeutiges Bild. Festgestellt wurden eine tiefe Wunde an der rechten Schläfe, eine massive Menge von Mageninhalt in den Atemwegen, eine Fraktur am Schildknorpel, deren Ursprung unklar bleibt. Mehrere Rippen waren gebrochen, laut Gutachten möglicherweise durch Reanimationsmaßnahmen. Auffällig: keine klassischen Abwehrverletzungen. Der Tod sei auf ein kardiozirkulatorisches Versagen zurückzuführen, im Kontext einer schweren Aspiration. Was das ausgelöst hat, müssen toxikologische und histologische Untersuchungen zeigen. Geduld ist gefragt. Und die fällt schwer.
Derweil mischen sich Organisationen ein. Der Mouvement contre le racisme et pour l'amitié entre les peuples fordert die vorläufige Suspendierung der beteiligten Polizisten. Man spricht von möglichem Racial Profiling, von strukturellen Problemen. Besonders brisant: Die Bodycams der Beamten sollen nicht funktioniert haben, die Akkus leer. Ein Detail, das Wasser auf die Mühlen der Kritiker gießt. Klingt nach Pech. Oder nach System. Je nachdem, wen man fragt.
Politisch ist der Fall längst angekommen. Vertreter der linken Parteien teilen die Videos, äußern sich empört, solidarisieren sich mit der Familie. Auf der Kundgebung sind bekannte Gesichter zu sehen, Worte wie „Wahrheit“ und „Gerechtigkeit“ fallen immer wieder. Auch Assa Traoré meldet sich zu Wort. Sie kennt solche Fälle. Zu gut. Die Parallelen zum Tod ihres Bruders seien offensichtlich, sagt sie. Immer wieder dieselbe Erzählung: Drogen, Aggression, Herzversagen. Und am Ende ein Toter, dessen Geschichte umgedeutet wird.
Paris hat diese Debatten erlebt, viele Male. Sie kommen in Wellen, nach jedem neuen Namen, nach jedem neuen Video. Mal flauen sie ab, mal reißen sie alte Gräben auf. Der Fall El Hacen Diarra fügt sich in eine Reihe ein, die niemand länger ignorieren mag. Gleichzeitig mahnen Juristen zur Vorsicht. Noch ist nichts bewiesen. Noch gilt die Unschuldsvermutung. Doch auch das Warten auf Klarheit hat seinen Preis.
In den Straßen des 20. Arrondissements hängt der Geruch von Wachs und kaltem Januarwind. Plakate mit Diarras Gesicht kleben an Laternen. Menschen bleiben stehen, lesen, schütteln den Kopf. „Schon wieder“, murmelt jemand. Mehr sagt er nicht. Muss er auch nicht.
Was bleibt, ist eine Mischung aus Trauer, Zorn und Unsicherheit. Die Justiz ermittelt, die Politik diskutiert, die Stadt schaut hin. Ob am Ende Antworten stehen, die tragen, oder neue Fragen, die weiter spalten, wird sich zeigen. Für den Moment aber steht Paris still. Und hört zu.
Autor: Daniel Ivers