Es ist früher Morgen am Strand von Gravelines, ein paar Kilometer westlich von Dunkerque. Die Nordsee schwappt träge an den feinen Sand – und erlebt an diesem Freitag, dem 13. Juni, ein beunruhigendes Schauspiel. Polizisten in schwerer Einsatzmontur waten bis zur Hüfte durch die Wellen. In der Hand: Tränengas. Vor ihnen: eine Gruppe von rund 30 Migrant:innen, darunter mehrere Kinder. Ziel der Beamten: verhindern, dass sie ein Boot in Richtung England besteigen.
Ein Fotojournalist vor Ort spricht später von „einer chaotischen Szene“. Menschen schreien, Kinder weinen. Die Bilder gehen unter die Haut. Noch nie habe er die Polizei so agieren sehen, sagt Dan Kitwood, der die Szenerie dokumentiert hat. Er ist kein Unbekannter in der Region – die humanitäre Krise an der französischen Küste begleitet er seit Jahren mit der Kamera.
Ein Einsatz, der Grenzen überschreitet
Was war geschehen? Gegen fünf Uhr früh tauchen Migrant:innen aus den Dünen auf, viele mit Schwimmwesten, manche ohne. Wenige Minuten später nähert sich ein Schlauchboot der Küste. Zehn Beamte, Teil einer Interventionskompanie springen direkt ins Wasser.
Mit Helmen, Schilden und Ausrüstung, die alles andere als meerestauglich wirkt.
Einige Migranten versuchen, die Beamten durch Wasserspritzer auf Abstand zu halten. Einer der Polizisten verliert unter dem Gewicht seiner Ausrüstung fast das Gleichgewicht, andere setzen Reizgas ein. Das Ergebnis: eine Familie mit kleinen Kindern muss fluchtartig zurück ans Ufer. Der Rest des Einsatzes verläuft erfolglos – rund die Hälfte der Gruppe entkommt doch aufs Meer.
Einzelaktion oder neuer Kurs?
Für die Polizeigewerkschaften handelt es sich um eine „außergewöhnliche“ Maßnahme. Für Beobachter:innen vor Ort ist klar: Hier geschieht etwas Neues. Charlotte Kwantes von der Hilfsorganisation Utopia56 spricht von einem „gefährlichen Präzedenzfall“. Noch nie zuvor sei die Polizei so weit ins Wasser vorgedrungen.
Der Verdacht: Frankreich zieht die Zügel an – auf Druck aus London.
Der britische Innenminister hatte Frankreich zuletzt offen aufgefordert, seine „operative Politik anzupassen“, damit Beamte „auch in seichtem Wasser so schnell wie möglich eingreifen“ könnten. Frankreichs Innenminister Bruno Retailleau forderte seinerseits im Februar gezielte Einsätze „bis zu 300 Meter vor der Küste“.
Doch was bedeutet das für die Betroffenen?
Zwischen Schlagstock und Schwimmflügeln
Die Realität an der Kanalküste ist brutal: Die Zahl der Überfahrten steigt, die Ausrüstung der Migrant:innen bleibt oft lebensgefährlich rudimentär – aufblasbare Boote, provisorische Motoren, kaum Schutzkleidung. Und nun Tränengas?
Ein freiwilliger Seenotretter der SNSM warnt: „Wenn Boote beim Start attackiert werden, kann das tödlich enden – vor allem, wenn die Menschen an Bord bereits verletzt oder orientierungslos sind.“
Doch auch für die Einsatzkräfte birgt die neue Taktik Risiken. Schweres Gerät, starker Wellengang, mangelnde Beweglichkeit – ein Sturz, und ein Polizist könnte unter Wasser gedrückt werden. Keine unrealistische Gefahr, wie der chaotische Einsatz von Gravelines zeigt.
Ein Balanceakt auf nassem Terrain
Die französische Polizei steht unter massivem Druck: Jeden Tag sind rund 1.200 Kräfte entlang der 150 Kilometer langen Küste im Einsatz, ein Großteil davon von Großbritannien mitfinanziert. Immer wieder kommt es zu gewaltsamen Konfrontationen mit Schleusern oder frustrierten Migranten. Laut Gewerkschaftsangaben werfen diese Steine, führen Metallstangen mit sich.
„Die Kollegen müssen sich schützen“, sagt Marc Hocquard von der Gewerkschaft Unsa Police. Auch wenn das heißt, in voller Montur ins Meer zu gehen. Dass das nicht ideal ist – klar. Aber andere Mittel gebe es derzeit nicht.
Ein Tropfen auf dem heißen Stein
Noch ist nicht klar, ob der Einsatz von Gravelines ein einmaliger Ausreißer bleibt oder der Vorbote einer neuen Linie ist. Die Polizei selbst spricht von einer „Ausnahme“. Ein formaler Strategiewechsel sei bisher nicht beschlossen worden.
Aber wohin soll das führen?
„Man versucht, das Meer unüberwindbar zu machen“, sagt Charlotte Kwantes – „aber das ist illusorisch. Und wird zwangsläufig zu Gewalt führen.“
Während Paris und London über Zuständigkeiten streiten, kämpfen Migrant:innen weiterhin ums nackte Überleben – und Einsatzkräfte um ihre eigene Sicherheit. Die Front verläuft nicht nur zwischen Ländern. Sondern inzwischen auch direkt in der Brandung.
Autor: Andreas M. Brucker