Was als marginaler Verschwörungsquatsch in Frankreich begann, mutierte zu einer viralen Erzählung, die die amerikanische Rechte in Atem hält. Die wilde Behauptung: Brigitte Macron sei ein transsexueller Mann – geboren als Jean‑Michel Trogneux. Wie es dazu kam, wer davon profitiert und warum wir in Frankreich auch alarmiert hinschauen sollten …
Französische Ursprünge – Von YouTube‑Spinnerei zu Gerichtsverfahren
Alles startete 2021: ein langes YouTube‑Video mit Natacha Rey, die sich als „freie Journalistin“ präsentiert, und dem Medium Amandine Roy. Sie behaupten, Brigitte Macron sei in Wahrheit ihr Bruder und hätte eine Geschlechtsangleichung durchlaufen – ein Narrativ, das in der Querdenker‑Community kursierte. Die Behauptung schlägt hohe Wellen – zumindest in rechten Nischen. Doch Anfang September 2024 urteilt das Pariser Strafgericht: Diffamierung. Beide Frauen werden mit Geldstrafen belegt, müssen Brigitte Macron und deren Bruder entschädigen.
Ideologische Verschränkung – Ein gefährlicher Mix aus Esoterik, Faktenverweigerung und Identitätspolitik
Xavier Poussard, Chefredakteur des rechtsextremen Magazins Faits et Documents, übernimmt die Legende und publiziert bis 2024 dreizehn Artikel, in denen er angebliche Beweise mittels Gesichtserkennungssoftware vorlegt. Parallel arbeitet er mit dem französischen X‑Influencer Aurélien Poirson‑Atlan (alias Zoe Sagan) zusammen. Ziel? Genau das: die Story in die Trump‑Szene schleusen, etwa via Podcast, Pressemitteilung und sogar über Kontakte zum Trump‑Presseteam.
Erst im März 2024 greift die US‑Konservative Candace Owens die Story auf – mit einem provokanten Video „Becoming Brigitte: An Introduction“. Ohne konkrete Belege behauptet sie öffentlich: Brigitte Macron sei biologisch ein Mann namens Jean‑Michel Trogneux. Gleichzeitig promotet sie das Buch Devenir Brigitte von Xavier Poussard, erschienen im Februar 2025, und („presented by Candace Owens“) auf Amazon auf Platz 1.
Owens zählt fast 4 Millionen YouTube‑Abonnenten, TikTok‑Videos ihrer „Transvestigation“-Reihe lassen sich über diese Theorie aus – Hunderttausende Klicks inklusive.
Aber Owens bleibt nicht allein. Michael Flynn, Ex-Nationaler Sicherheitsberater unter Trump, fordert per X, der französische Präsident solle „Beweise erbringen“. Zugleich treiben Promi‑Podcaster wie Tucker Carlson und Joe Rogan die Story weiter voran. So fliegen Verschwörungstheorien hoch – und landen mitten in der amerikanischen Blasen‑Parasphäre.
Politischer Nutzen – Wenn transfeindliche Hetze zur Waffe wird
Mit dem Fokus auf Brigitte Macron dient die Theorie als Waffe in einer globalen Kulturkriegsstrategie: Transphobie als ideologisches Werkzeug. Kein Zufall, dass Michelle Obama, Jacinda Ardern, Kamala Harris und andere Frauen damit ebenfalls attackiert wurden.
In Frankreich weckt das Sorgen über eine mögliche „Trumpisierung“: Polarisierung wird inzwischen bewusst gesteuert – mit Fake News, gezielter Emotionalisierung, moralischer Einfärbung und Framing.
Globale Gegenmaßnahmen – Warum wir mehr Medienkompetenz brauchen
Die Macron-Regierung versucht, die Wellen zu brechen – anklagend, prozessierend. Emmanuel Macron verurteilte am 8. März 2024 die Gerüchte als reine Machenschaften. Trotzdem bleibt eine gewisse Unsicherheit in der Bevölkerung spürbar.
Aber in den USA wächst Widerstand – zahlreiche Faktenchecks melden: alles frei erfunden, keine Beweise, pseudowissenschaftlich.
Doch Fakt ist: Der Reiz solcher Stories liegt in ihrer Einfachheit – das Böse beim anderen verortet, der Feind personalisiert. Und mit Hilfe digitaler Echo‑Kammern vervielfacht sich die Wirkung
Warum uns das in Frankreich auch angeht
Weil das Muster weltweit funktioniert: eine Idee – eine Plattform – ein Absender – ein Echo – plötzlich fliegt eine Verschwörungstheorie nach San Francisco, Atlanta, New York – und kehrt reloaded zurück, als Social-Media-Virus.
Daher sollten wir uns neben rechtlichen Schritten auf Prävention und digitale Resilienz fokussieren. Eine „Rüstung“ gegen diesen Fake-Info‑Kriegsmodus.
Ein französisches Esoterik-Gerücht wurde zur Waffe in einem transatlantischen Kulturkrieg. Diese Geschichte begleitet uns auch nach Prozessen und Verurteilungen – weil extrem rechte Protagonist:innen wie Candace Owens bereit sind, für Klicks und Ideale radikal weiterzuspielen.
Wenn wir öffentliche Debatten retten wollen, geht das nicht nur mit Gegenrhetorik, sondern durch systemische Aufklärung – global vernetzt, lokal verankert.
Autor: Andreas M. Brucker