Ein heißer Julisamstag, rauschende Fanfaren auf der Grand-Place, ein Peloton, das wie ein bunter Schwarm durch die Straßen Nordfrankreichs jagt – die Tour de France 2025 ist gestartet. Und wie.
Nach drei Jahren mit Starts im Ausland kehrte die erste Etappe des größten Radrennens der Welt am Samstag, den 5. Juli, nach Frankreich zurück. Lille empfing Fahrer, Teams und Zuschauer mit offenen Armen und verwandelte die Metropole für ein Wochenende in ein wahres Radsport-Mekka.
184,9 Kilometer standen auf dem Programm. Ein Rundkurs, der in Lille begann und endete – und der vom ersten Kilometer an alles bot, was Fans von der Tour erwarten.
Wind, Stürze und ein dezimiertes Feld
Der Streckenverlauf wirkte auf dem Papier harmlos. Keine Hochgebirgspässe, keine gefürchteten Kopfsteinpflasterpassagen – nur drei kleine Hügel der vierten Kategorie: Côte de Notre-Dame-de-Lorette, Mont Cassel und Mont Noir.
Doch wer gedacht hatte, es würde ein entspannter Sprintfestival-Tag, lag falsch. Windböen fegten über das Feld und rissen Löcher in das bis dahin geschlossene Fahrerfeld. Immer wieder bildeten sich Gruppen, andere verloren den Anschluss – am Ende erreichten nur 36 Fahrer gemeinsam das Ziel.
Und als wäre das nicht genug Drama, kam es auch zu mehreren schweren Stürzen. Filippo Ganna und Stefan Bissegger mussten das Rennen vorzeitig aufgeben. Zwei Namen, die viele Experten als wichtige Helfer oder gar Etappensieger auf dem Zettel hatten.
Jasper Philipsen – König des ersten Tages
An der Ziellinie war es wieder einmal Jasper Philipsen, der seine Sprintstärke gnadenlos ausspielte. Der Belgier vom Team Alpecin-Deceuninck setzte sich vor Biniam Girmay (Intermarché-Wanty) und Soren Waerenskjold (Uno-X Mobility) durch.
Mit diesem Sieg sicherte er sich nicht nur seine zehnte Etappe bei einer Tour de France, sondern zum ersten Mal in seiner Karriere auch das prestigeträchtige Gelbe Trikot des Gesamtführenden.
„Das fühlt sich unglaublich an. Ich habe jahrelang davon geträumt“, sagte Philipsen sichtlich gerührt im Zielinterview. Man sah ihm an, wie viel dieser Erfolg bedeutete.
Lille im Ausnahmezustand
Schon Tage zuvor hatte sich Lille auf diesen Moment vorbereitet. Auf der Grand-Place präsentierten sich die Teams bei der offiziellen Eröffnungsfeier vor tausenden Zuschauern – ein Spektakel aus Licht, Musik und den besten Radprofis der Welt, das selbst abgebrühte Tour-Veteranen beeindruckte.
Die Innenstadt war übersät mit gelben Fahnen, Bannern und Kunstinstallationen rund um den Radsport. Auf der Place de la République tummelten sich Fans im eigens aufgebauten „Fan Park“, ließen sich Fotos mit historischen Trikots machen, probierten E-Bikes aus oder genossen einfach Crêpes und Bier in der Sommersonne.
Eine Frage lag dabei in der Luft: Warum wirkt dieser Start der Tour jedes Jahr wie ein Neujahr für den Radsport?
Vielleicht, weil sich hier alles vereint – Leistung, Leidenschaft, Volksfest. Ein Ritual, das nie langweilig wird.
Was bringt die zweite Etappe?
Für die Fahrer bleibt jedoch keine Zeit zum Feiern. Die zweite Etappe führt sie über 212 Kilometer von Lauwin-Planque nach Boulogne-sur-Mer.
Diesmal wird es deutlich anspruchsvoller: Das Finale ist gespickt mit kurzen, giftigen Anstiegen, ideal für die sogenannten Puncheure – Fahrer mit explosiver Kletterkraft auf wenigen hundert Metern. Auch die Favoriten auf den Gesamtsieg dürften dann erstmals ihre Muskeln zeigen, um sich in Position zu bringen.
Ein Auftakt, der Appetit macht
Nach diesem ersten Tag ist klar: Die Tour de France 2025 wird kein Spaziergang. Sie ist ein Spektakel, das alle Facetten des Radsports feiert – mit Jubel, Tränen und Gänsehautmomenten.
Und während Philipsen im Gelben Trikot schlafen geht, träumen alle anderen noch davon, es ihm bald streitig zu machen.
Autor: Andreas M. Brucker