Alle Artikel

Trump, Zölle und die Rückkehr zur wirtschaftlichen Vernunft?

Die internationale Handelspolitik bleibt ein geopolitisches Minenfeld – und Donald Trump ihr unberechenbarster Akteur. Am Mittwochabend verkündete der ehemalige US-Präsident überraschend, dass die von ihm zuvor verhängten Strafzölle auf Importe aus fast allen Ländern – mit Ausnahme Chinas – für einen Zeitraum von 90 Tagen ausgesetzt würden. Die Ankündigung ließ die Finanzmärkte aufatmen und wurde…

Illustration Nachrichten.fr
KI-Illustration

Die internationale Handelspolitik bleibt ein geopolitisches Minenfeld – und Donald Trump ihr unberechenbarster Akteur. Am Mittwochabend verkündete der ehemalige US-Präsident überraschend, dass die von ihm zuvor verhängten Strafzölle auf Importe aus fast allen Ländern – mit Ausnahme Chinas – für einen Zeitraum von 90 Tagen ausgesetzt würden. Die Ankündigung ließ die Finanzmärkte aufatmen und wurde von einzelnen europäischen Zentralbankern gar als „Rückkehr zur Vernunft“ begrüßt. Doch wie tragfähig ist diese Atempause wirklich?

François Villeroy de Galhau, Gouverneur der Banque de France, sprach im französischen Fernsehen von einem möglichen Wendepunkt. Die Suspendierung der Zölle sei „der Beginn einer Rückkehr zur wirtschaftlichen Vernunft“. Gleichzeitig mahnte er jedoch die Risiken an, die von der erratischen US-Politik unter Trump ausgehen: Große Unvorhersehbarkeit untergrabe Vertrauen und Wachstum – diesmal allerdings habe sie überraschenderweise zu einem positiven Resultat geführt.

Eine Entspannung mit Vorbehalt

Tatsächlich reagierten die Märkte sofort und mit deutlicher Erleichterung. Der US-amerikanische Leitindex S&P 500 legte um über 7 Prozent zu, der technologieorientierte Nasdaq Composite sogar um mehr als 8 Prozent. Ökonomen hatten zuvor vor Rezessionsrisiken gewarnt, nachdem Trump die Zölle auf ein Niveau gehoben hatte, das seit einem Jahrhundert beispiellos ist. Die Aussicht auf eine Entschärfung genügte offenbar, um kurzfristig Vertrauen zurückzugewinnen.

Doch der Blick hinter die Schlagzeilen offenbart ein anderes Bild. Während die Strafzölle für die meisten Handelspartner auf 10 Prozent abgesenkt werden sollen, plant Trump, die Zölle gegenüber China auf 125 Prozent zu erhöhen – ein massiver Schritt, der über den am Vortag noch kommunizierten Wert von 104 Prozent hinausgeht. Die Botschaft ist eindeutig: Peking bleibt der strategische Hauptgegner in Trumps wirtschaftspolitischer Konzeption.

Europa zwischen Hoffen und Vorsicht

Für Europa bedeutet die neue Lage keine Entwarnung. Zwar dürften exportorientierte Volkswirtschaften wie Deutschland kurzfristig profitieren, doch die Unsicherheit über den künftigen Kurs der USA bleibt bestehen. Die Europäische Zentralbank und nationale Notenbanken hatten bereits davor gewarnt, dass die US-Zölle das Wachstum in der Eurozone im Jahr 2025 um bis zu 0,25 Prozentpunkte dämpfen könnten. Besonders betroffen wären die deutsche und die italienische Industrie, die stark vom transatlantischen Handel abhängen.

Hinzu kommt: Die kurzfristige Aussetzung der Zölle ist keine strukturelle Lösung. Es handelt sich um ein taktisches Manöver – möglicherweise ausgelöst durch Turbulenzen an den Anleihemärkten, die Trump zur Umkehr zwangen. Die wirtschaftspolitische Grundhaltung bleibt protektionistisch, und die Bereitschaft, multilaterale Institutionen zu respektieren, ist nicht erkennbar. Die strategische Unsicherheit bleibt bestehen.

Handelspolitik als geopolitisches Instrument

Trumps Verwendung von Strafzöllen ist mehr als nur wirtschaftspolitisches Werkzeug – sie ist ein machtpolitisches Signal. Der wirtschaftliche Druck auf China steht sinnbildlich für einen umfassenderen Versuch, globale Lieferketten neu zu ordnen und geopolitische Abhängigkeiten zu reduzieren. In Europa wird dies aufmerksam verfolgt – nicht nur wegen der unmittelbaren Exportinteressen, sondern auch im Hinblick auf die eigene strategische Autonomie.

Die Frage, wie Europa auf diese geopolitisch motivierte Handelspolitik reagieren soll, bleibt offen. Vorschläge reichen von der Stärkung eigenständiger Zahlungsinfrastrukturen bis hin zu engeren Handelsabkommen innerhalb Asiens oder mit Lateinamerika. Klar ist: Eine allzu große Abhängigkeit von einem wirtschaftspolitisch erratischen Partner birgt zunehmend Risiken.

Ein fragiles Gleichgewicht

So beruhigend die Marktreaktionen auf die Zollpause auch sein mögen – sie ändern nichts am Grundproblem: der Volatilität der amerikanischen Wirtschaftspolitik unter Trump. Seine Mischung aus wirtschaftlichem Nationalismus, politischem Opportunismus und strategischer Konfrontation ist nicht nur ein Risiko für einzelne Handelspartner, sondern für die Stabilität des globalen Systems.

Die EU steht vor der Herausforderung, kurzfristig zu profitieren, ohne langfristig die eigene Verwundbarkeit zu erhöhen. Die Antwort kann nur eine sein: ein selbstbewusster, eigenständiger wirtschaftspolitischer Kurs – mit klaren Prioritäten, strategischen Allianzen und der Bereitschaft, wirtschaftspolitische Autonomie nicht nur zu proklamieren, sondern auch umzusetzen.

P.T.

Ende des Artikels