Frankreich · 14.05.2026 07:09
Gabriel Attal steigt neben Édouard Philippe und Bruno Retailleau in den Kampf um den „socle commun“ für die Präsidentschaftswahl ein
Der Machtkampf um den sogenannten „socle commun“ – das gemeinsame politische Fundament der Mitte und gemäßigten Rechten – ist nun offiziell eröffnet. Mit der Positionierung von Gabriel Attal als bevorzugter Kandidat von Renaissance für...
Der Machtkampf um den sogenannten „socle commun“ – das gemeinsame politische Fundament der Mitte und gemäßigten Rechten – ist nun offiziell eröffnet. Mit der Positionierung von Gabriel Attal als bevorzugter Kandidat von Renaissance für die Präsidentschaftswahl 2027 tritt die französische Politik in eine Phase permanenter Vorwahlkämpfe ein. Drei Männer versuchen inzwischen, dieselbe politische Verheißung zu verkörpern: ein erneutes Endduell zwischen dem Rassemblement National und der radikalen Linken zu verhindern.
Das Problem dabei: Gabriel Attal, Édouard Philippe und Bruno Retailleau sprechen weitgehend dieselbe Wählerschaft an, verfolgen jedoch grundverschiedene Strategien.
Seit Monaten bemüht sich Édouard Philippe darum, eine klassische präsidentielle Haltung zu etablieren: staatsmännische Distanz, sparsame öffentliche Auftritte, internationale Ernsthaftigkeit und das Bild politischer Stabilität. Er möchte als der Mann erscheinen, der nach den Jahren der macronistischen Zersplitterung wieder Ruhe und Ordnung herstellen kann.
Gabriel Attal verfolgt dagegen exakt die entgegengesetzte Strategie. Dauerhafte Medienpräsenz, permanente Reisen durchs Land, offensive Wortmeldungen und eine deutlich nervösere politische Rhetorik: Der ehemalige Premierminister setzt auf Tempo, Sichtbarkeit und generationelle Verkörperung eines neuen politischen Stils.
Bruno Retailleau wiederum versucht, eine autoritätsorientierte Rechte wiederaufzubauen, die konservative Wähler zurückgewinnen soll, die zunehmend mit Jordan Bardella sympathisieren, ohne jedoch direkt zum Rassemblement National überzulaufen.
Hinter dieser persönlichen Konkurrenz verbirgt sich allerdings eine wesentlich grundlegendere Frage: Existiert dieser berühmte „socle commun“ überhaupt noch?
Entstanden war dieses Bündnis aus der schrittweisen Annäherung zwischen dem politischen Zentrum des Macronismus und Teilen der republikanischen Rechten nach den Krisenjahren 2024. Ursprünglich erschien dieses Lager vor allem als pragmatische Regierungskoalition zur Sicherung parlamentarischer Mehrheiten. Heute wirkt es zunehmend wie ein politischer Raum ohne klare ideologische Achse.
Das Paradox ist offensichtlich. Alle Beteiligten betonen öffentlich die Notwendigkeit der Geschlossenheit und warnen vor einer Zersplitterung des moderaten Lagers. Gleichzeitig baut jedoch jeder längst seine eigene Präsidentschaftsmaschine auf. Die Debatten über mögliche offene Vorwahlen machen diesen Widerspruch besonders sichtbar: Niemand scheint tatsächlich bereit zu sein, sich hinter einen Rivalen zurückzustellen.
Gabriel Attal bringt dabei durchaus Eigenschaften mit, die seinen Konkurrenten teilweise fehlen. Mit 37 Jahren beherrscht er die modernen Mechanismen politischer Kommunikation nahezu perfekt. Besonders bei urbanen und akademisch geprägten Wählerschichten verfügt er weiterhin über hohe Sichtbarkeit und Mobilisierungskraft.
Doch genau darin liegt auch seine Schwäche. Seine politische Identität bleibt eng mit dem auslaufenden Macronismus verbunden – und damit mit einer politischen Phase, die viele Franzosen inzwischen mit institutioneller Instabilität, Reformmüdigkeit und Machtverschleiß verbinden.
Édouard Philippe profitiert im Gegenzug von einem deutlich präsidialeren Image in den Umfragen. Seine zurückhaltende Strategie birgt jedoch ebenfalls Risiken. Politische Vorsicht kann in einer zunehmend polarisierten Öffentlichkeit schnell als bloßer Opportunismus oder politische Passivität wahrgenommen werden.
Bruno Retailleau wiederum gelingt es mit seiner deutlich rechtskonservativen Linie, innerhalb der Republikaner eine stabile militante Basis aufzubauen. Gleichzeitig erschwert genau diese ideologische Schärfe seine Fähigkeit, Wähler aus dem politischen Zentrum anzusprechen und eine breitere Allianz zu formen.
Die eigentliche Herausforderung für dieses zentrale und konservative Lager liegt möglicherweise jedoch an anderer Stelle. Während sich die gemäßigten Kräfte in internen Rivalitäten verlieren, profitieren Jordan Bardella und die politischen Ränder von einer wesentlich klareren politischen Lesbarkeit. Ein wachsender Teil der öffentlichen Meinung scheint inzwischen einfache, eindeutig erkennbare politische Linien den großen, ideologisch unscharfen Koalitionen vorzuziehen.
Die Präsidentschaftswahl 2027 könnte deshalb weniger zu einer Auseinandersetzung über Programme werden als zu einem Wettbewerb um politische Verkörperung und Führungsstil. Und genau in diesem Wettkampf droht der „socle commun“ möglicherweise seinen wirklichen politischen Mittelpunkt zu verlieren.
Autor: P. Tiko