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UNESCO-Entscheidung rückt näher: Werden die Megalithen von Carnac endlich Weltkulturerbe?

Es knistert in Carnac. Nicht wegen des Windes, der von der Bucht hereinrauscht und die Gräser zwischen den Menhiren tanzen lässt. Sondern weil ein Moment bevorsteht, auf den Viele gewartet haben. Am 11. und 12. Juli 2025 könnte es soweit sein: Die „Mégalithes de Carnac et des rives du Morbihan“ stehen auf der Agenda der…

Menhire in Carnac, Wikipedia

Es knistert in Carnac.

Nicht wegen des Windes, der von der Bucht hereinrauscht und die Gräser zwischen den Menhiren tanzen lässt. Sondern weil ein Moment bevorsteht, auf den Viele gewartet haben.

Am 11. und 12. Juli 2025 könnte es soweit sein: Die „Mégalithes de Carnac et des rives du Morbihan“ stehen auf der Agenda der 47. Sitzung des UNESCO-Welterbekomitees in Paris. Mit etwas Glück und diplomatischem Feingefühl wird dieser Jahrtausende alte Landstrich endlich in die erlesene Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

Steine, die Geschichten erzählen

Über 12.000 aufgerichtete Steine, verteilt auf 550 Fundstellen in 27 Gemeinden, prägen die Gegend. Ein gigantisches Freilichtmuseum aus grauem Granit.

Wer jemals zwischen den endlosen Reihen der Alignements de Carnac gestanden hat, spürt, wie die Zeit hier anders fließt. Die Tumulusgräber von Saint-Michel und Tumiac, der beeindruckende Cairn von Gavrinis – sie alle zeugen von einer raffinierten neolithischen Kultur. Diese Menschen lebten hier zwischen 4600 und 4300 vor Christus, organisierten sich, ehrten ihre Toten, tauschten Werkzeuge und Schmuckstücke über weite Entfernungen hinweg.

Eine Zivilisation an der Wiege Europas.

Forscher des französisch-schwedischen Projekts NEOSEA haben kürzlich bestätigt, was viele ahnten: Einige der Strukturen sind sogar noch älter als bisher datiert und bilden ein zentrales Puzzleteil im europäischen Megalithismus. Im Klartext: Ohne Carnac wäre das Verständnis unserer Vorgeschichte unvollständig.

Zehn Jahre Einsatz für ein Ziel

Der Antrag auf UNESCO-Anerkennung wurde im Januar 2024 eingereicht. Federführend ist die 2013 gegründete Vereinigung „Paysages de Mégalithes“, deren Präsident Olivier Lepick, Bürgermeister von Carnac, mit Herzblut hinter dem Projekt steht.

Der wissenschaftliche Unterbau stammt aus der Feder des berühmten Paläoanthropologen Yves Coppens, bis zu seinem Tod 2022 ein entschiedener Verfechter der Anerkennung. In dem umfangreichen Dossier heben Experten nicht nur die Dichte und Größe der Megalithfelder hervor, sondern auch die reiche Grabausstattung, die teils Objekte aus weit entfernten Regionen enthält. Zeichen eines florierenden Austauschs – und Beleg für das soziale Netzwerk der Jungsteinzeit.

Doch so einstimmig die Fachwelt von der Einzigartigkeit Carnacs spricht, so gespalten ist die Stimmung vor Ort.

Zwischen Stolz und Skepsis

Natürlich wäre ein UNESCO-Titel eine internationale Anerkennung von unschätzbarem Wert. Doch einige Einheimische treibt eine Sorge um: Wird ihr Dorf dann zum Disneyland der Archäologie?

„Wir wollen nicht, dass hier Busladungen von Touristen aus aller Welt ankommen, die dann in Schlangen an den Steinen vorbeigeschoben werden“, hört man bei Diskussionen auf den Marktplätzen. Gemeint ist die Angst vor Übertourismus. Vor Souvenirshops an jeder Ecke. Vor dem Verlust dessen, was Carnac heute ausmacht – Ruhe, Weite, dieses leise Staunen.

Die aktuellen Baumaßnahmen zur Verbesserung des Zugangs stoßen ebenfalls auf Kritik. Manche interpretieren sie als Vorgriff auf eine künftig explodierende Besucherzahl, die Infrastruktur für ein Publikum, das den Ort mit anderen Augen sieht: als Instagram-Kulisse.

Und dann gibt es da noch den Vorfall, der 2023 für einen Aufschrei sorgte: In Montauban wurden 39 Menhire entfernt, um Platz für einen Baumarkt zu schaffen. Zwar lagen sie nicht in einer geschützten Zone, doch ihr Abriss war ein Schock. Wie könne man Jahrtausende alte Steine herausreissen, nur um Bretter und Schrauben zu verkaufen?

Dieser Konflikt zeigt, wie verletzlich selbst scheinbar unantastbare Kulturgüter sind, wenn wirtschaftliche Interessen im Spiel sind.

Entscheidungstage in Paris

Die Mitglieder des UNESCO-Komitees werden nun abwägen: Genügt die Einzigartigkeit Carnacs, um es neben Stonehenge und Göbekli Tepe zu stellen? Ist die Schutzstrategie glaubhaft, die touristische Nutzung maßvoll, die wissenschaftliche Erschließung nachhaltig?

Eine Anerkennung wäre mehr als ein Etikett.

Sie wäre ein Versprechen, dieses Kulturerbe nicht zu verlieren. Ein Auftrag, die Steine nicht nur zu bewahren, sondern zu verstehen, was sie bedeuten: Zeugnisse einer Menschheit, die längst nicht mehr existiert – und doch unsere Grundlagen schuf.

Die Zukunft liegt in lokalen Händen

Wie immer bei Welterbestätten wird der Titel allein nicht reichen. Es hängt von den Menschen in Carnac, im Morbihan und in ganz Frankreich ab, wie dieser Schatz verwaltet wird. Sanfter Tourismus, nachhaltige Konzepte und Bildungsangebote können dafür sorgen, dass der Ort nicht zur archäologischen Geisterbahn verkommt.

Denn was bleibt, wenn der Rummel sich legt?

Die Steine werden noch stehen.

Still. Würdevoll. Geduldig.

Sie waren hier lange bevor wir kamen. Und wenn wir klug handeln, bleiben sie hier, wenn wir längst gegangen sind.

Vielleicht ist genau das der wahre Wert dieser Entscheidung: Dass wir uns erinnern, wie kurz unser eigener Weg auf dieser Erde ist.

Autor: Andreas M. Brucker

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