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Vatikan unplugged – Ein Insider packt aus

Vier Jahre lang bewegte sich Loup Besmond de Senneville durch die Flure eines der geheimnisvollsten Machtzentren der Welt – des Vatikans. Nun veröffentlicht der französische Journalist mit seinem Buch Vatican secret – Quatre années au cœur du plus petit État du monde ein Werk, das mehr als nur eine journalistische Beobachtung ist. Es ist ein…

Foto Maeva Vigier

Vier Jahre lang bewegte sich Loup Besmond de Senneville durch die Flure eines der geheimnisvollsten Machtzentren der Welt – des Vatikans. Nun veröffentlicht der französische Journalist mit seinem Buch Vatican secret – Quatre années au cœur du plus petit État du monde ein Werk, das mehr als nur eine journalistische Beobachtung ist. Es ist ein Blick durchs Schlüsselloch einer Institution, die sich nach außen in Ritualen und frommer Strenge zeigt, nach innen jedoch von Machtkämpfen, Angst und sturer Verschwiegenheit geprägt ist.

Veröffentlicht wird das Buch am 7. Mai 2025 im Verlag Stock – und es dürfte für Gesprächsstoff sorgen.

Denn Besmond de Senneville berichtet nicht aus zweiter Hand. Als Korrespondent der Zeitung La Croix lebte und arbeitete er direkt im Herzen des Kirchenstaates. Begleitete Papst Franziskus auf Reisen. Lauschte Kardinälen bei Hintergrundgesprächen. Und war bei vielen dieser kleinen, unscheinbaren Momente dabei, in denen sich große Wahrheiten verbergen.

Seine Beschreibung des Vatikans als "Blackbox", die er systematisch zu öffnen versucht, trifft ins Schwarze. Denn so feierlich und geordnet das Bild nach außen auch erscheinen mag – hinter den Mauern regiert oft das Chaos.

Frauen, Macht und chinesische Agenten

Ein zentrales Thema seines Buches: die Rolle der Frauen. Obwohl sie offiziell keine Weiheämter bekleiden dürfen und von vielen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen sind, tragen sie laut Besmond de Senneville die eigentliche Alltagslast im Vatikan. Ob als Verwaltungsfachkräfte, Beraterinnen oder Wissenschaftlerinnen – ohne sie würde vieles nicht funktionieren. Trotzdem bleibt ihnen die offizielle Anerkennung verwehrt. Ein Widerspruch, der schwer zu verdauen ist.

Besonders brisant ist auch das Kapitel über Spionageversuche aus China. Laut dem Autor gab es wiederholt Versuche Pekings, durch diplomatische Kontakte und technische Mittel Einfluss auf den Vatikan zu nehmen – ein hochsensibles Thema, das angesichts der angespannten Beziehungen zwischen der römisch-katholischen Kirche und der kommunistischen Regierung in Peking besondere Brisanz besitzt.

Und dann ist da noch die Geschichte eines päpstlichen Mitarbeiters, der aufgrund seiner Homosexualität entlassen wurde. Sie steht exemplarisch für die Spannungen zwischen offizieller Lehre, gelebter Realität und internen Machtspielen.

Ein Ort des Schweigens – aus Tradition und Taktik

Die „Kultur des Schweigens“, wie sie Besmond de Senneville nennt, durchzieht das gesamte Werk wie ein roter Faden. Im Vatikan spricht man nicht über Probleme – man schweigt sie weg. Dieser Reflex reicht tief, ist Teil der DNA einer Institution, die sich selbst als ewig versteht. Probleme gelten nicht als Dinge, die gelöst, sondern als Dinge, die überdauert werden müssen.

Das Schweigen schützt – aber es isoliert auch.

Und wer ausbricht, wer hinterfragt, wer Dinge benennt, muss mit Widerstand rechnen. Genau das macht dieses Buch so kraftvoll: Es bricht das Schweigen. Mit Fakten, Anekdoten und tiefgreifender Analyse.

Zwischen Macht und Mission

Wer dieses Buch liest, spürt schnell: Hier schreibt kein frustrierter Abrechner, sondern ein aufrichtiger Beobachter. Einer, der die Kirche liebt, aber nicht verklärt. Einer, der weiß, dass man Institutionen nur verändern kann, wenn man sie wirklich kennt.

Besmond de Sennevilles Stil ist sachlich, doch nie trocken. Klar, doch nie kühl. Er schafft es, ein hochkomplexes Geflecht aus Theologie, Diplomatie, persönlicher Eitelkeit und heiliger Sendung verständlich zu machen – und dabei spannend zu bleiben.

Ein Werk wie dieses ist selten. Denn der Zugang, den der Autor hatte, ist nicht alltäglich. Und das Vertrauen, das ihm offenbar entgegengebracht wurde, spricht Bände über seine journalistische Integrität.

Und jetzt?

Was bleibt von diesen vier Jahren im Herzen des Heiligen Stuhls? Eine Fülle an Eindrücken, Enthüllungen und unbequemen Fragen. Wie kann eine Institution, die das Evangelium der Liebe predigt, intern so viel Angst, Machtmissbrauch und Ausschluss dulden? Wie lange kann man an veralteten Strukturen festhalten, ohne das Fundament zu verlieren? Und wer entscheidet eigentlich, was der Wille Gottes ist – und was bloß kirchenpolitisches Kalkül?

Eine der größten Stärken des Buches liegt in seiner Offenheit für diese Widersprüche. Es gibt keine simplen Antworten – aber viele kluge Beobachtungen, die zum Nachdenken anregen.

Am Ende bleibt ein Einblick, der so intensiv ist wie selten zuvor. Vatican secret ist kein reißerisches Enthüllungsbuch, sondern ein ehrliches, mutiges Zeugnis. Ein Muss für alle, die verstehen wollen, wie dieser kleine Staat mitten in Rom so viel Einfluss auf die Welt ausübt.

Von M.A.B.

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