Ein neuer Bericht, der dem französischen Innenminister Bruno Retailleau übergeben wurde, schlägt Alarm: Die Muslimbruderschaft ist laut diesem Dokument längst nicht mehr nur eine unwichtige ideologische Bewegung, sondern habe ein Netzwerk aufgebaut, das in viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens eingreift – systematisch, strategisch und mit klarem Ziel.
Ein „Ökosystem“ mit Plan
Die Rede ist nicht mehr bloß von Ideologie oder abstrakten Gefahren. Der 73-seitige Bericht mit dem Titel „Les Frères musulmans et islamisme politique en France“ schildert ein fein gesponnenes Netz aus Moscheen, Bildungsinitiativen, Vereinen und sozialen Angeboten. Ganze 139 muslimische Gebetsstätten in 55 Departements lassen sich laut der Untersuchung der Muslimbruderschaft zuordnen – das sind etwa 7 Prozent aller muslimischen Kultstätten in Frankreich.
Dazu gesellen sich rund 280 Organisationen, die in Bereichen wie Jugendhilfe, Bildung, Religion, Wohltätigkeit und sogar Finanzen aktiv sind. Die Strategie? Eine Art „Islamismus von unten“, der darauf abzielt, über Jahre hinweg kulturelle und soziale Strukturen Frankreichs zu verändern. Wie ein gut geölter Motor greifen die Einzelteile ineinander: religiöse Angebote für Kinder, Sportvereine, muslimische Geschäfte und eine starke Präsenz in den sozialen Netzwerken.
Von der Wiege bis zur Bahre
Der Bericht spricht von einem „lokalen Ökosystem“, das nichts dem Zufall überlässt. Ziel sei es, das Leben gläubiger Muslime vollständig zu begleiten – von der Geburt bis zum Tod. Hinter der Fassade von Bildung und Fürsorge entsteht ein geschlossenes Weltbild, das sich nicht nur von der republikanischen Gesellschaft abgrenzt, sondern ihr auf lange Sicht auch Konkurrenz machen könnte.
Über Plattformen wie Instagram oder YouTube sorgen islamistische Influencer dafür, dass die Ideologie gerade junge Muslime erreicht. Diese digitalen Prediger seien laut Bericht Bindeglied zwischen der Ideologie der Muslimbruderschaft und den Jugendlichen in Europa.
Politische Reaktionen – mit harten Tönen
Emmanuel Macron reagierte prompt: Ein nationaler Sicherheits- und Verteidigungsrat wurde einberufen, um Maßnahmen zu prüfen – teils öffentlich, teils im Geheimen. Klar ist: Der Staat will handeln. Doch wie genau?
Die von Gabriel Attal geführte Macron-Partei Renaissance fordert ein Verbot des Kopftuchs im öffentlichen Raum für Mädchen unter 15 Jahren. Das sei kein Angriff auf den Islam, so die Argumentation, sondern ein Beitrag zur Gleichstellung der Geschlechter und zum Schutz von Minderjährigen. Außerdem wird über eine neue Gesetzesinitiative diskutiert – eine Art „zweite Separatismus-Gesetzgebung“, die tiefer greift und gezielter gegen religiösen Extremismus vorgehen soll.
Eine Debatte mit Fallstricken
Doch die politische Debatte ist keineswegs einheitlich. Während die einen vor einer schleichenden Unterwanderung warnen, mahnen andere zur Differenzierung. Der Politikwissenschaftler Stéphane Lacroix etwa kritisiert, dass in vielen Diskussionen Salafismus, Islamismus und Dschihadismus in einen Topf geworfen würden. So entstehe ein diffuses Bild, das der Komplexität der religiösen Strömungen nicht gerecht werde.
Ganz anders die Einschätzung von Florence Bergeaud-Blackler. Die Ethnologin warnt seit Jahren vor dem sogenannten „Frérisme“ – einer Form des Islamismus, die sich bereits seit den 60er Jahren über nicht-muslimische Länder ausbreite, um Gesellschaften schrittweise an die Scharia anzupassen. Ihr Buch „Le Frérisme et ses réseaux“ wurde kontrovers diskutiert, und brachte ihr auch Drohungen ein.
Gesellschaftliche Herausforderung mit Langzeitwirkung
Frankreichs Laizität, seine republikanischen Werte und der soziale Zusammenhalt stehen auf dem Prüfstand. Die Zahlen und Fakten des Berichts legen nahe: Es geht nicht um Einzelfälle oder vereinzelte Extremisten, sondern um ein gut organisiertes System.
Doch wie begegnet man einem Phänomen, das sich bewusst still und unauffällig in gesellschaftliche Strukturen einfügt? Reicht ein Gesetz, um ideologische Netzwerke zu durchbrechen? Oder braucht es mehr – etwa Bildung, Aufklärung und eine Politik, die auch Alternativen schafft?
Fest steht: Es gibt kein Patentrezept. Aber Ignorieren ist keine Option mehr.
Von Andreas M. Brucker