Wer dieser Tage mit dem Zug durch Frankreich reisen will, könnte meinen, alles läuft seinen gewohnten Gang. Doch der Schein trügt – denn im Hintergrund brodelt es gewaltig.
Von Freitag, dem 9. Mai, bis Sonntag, dem 11. Mai, sind zahlreiche Zugbegleiter der SNCF im Streik. Aufgerufen hat die Gewerkschaft SUD Rail, unterstützt von einem unabhängigen nationalen Kollektiv der Kontrolleure. Es geht um bessere Arbeitsbedingungen und eine stärkere Anerkennung ihrer Rolle – die Forderungen sind altbekannt, doch dieses Mal wurde mit ungewöhnlicher Entschlossenheit mobilisiert.
Und trotzdem: Der Bahnverkehr steht nicht still. Im Gegenteil – die SNCF verkündet stolz, dass 90 Prozent der TGV- und Ouigo-Verbindungen wie geplant fahren. Wie passt das zusammen?
Die Antwort liegt in einem bemerkenswerten Manöver des Konzerns: Hunderte Führungskräfte, sogenannte „Volontaires d’Accompagnement Occasionnels“ (VAO), wurden kurzerhand in die Züge geschickt, um die streikenden Kontrolleure zu ersetzen. Viele von ihnen haben eigentlich ganz andere Aufgaben – Projektleitung, Management, Technik. Nun aber laufen sie im Dienstanzug durch die Gänge der Hochgeschwindigkeitszüge, kontrollieren Fahrkarten und sorgen für Ordnung. Laut internen Angaben haben sie dafür eine einwöchige Schulung durchlaufen.
Das klingt nach Mut im Dienste der Mobilität – oder?
Ein genauer Blick offenbart eine etwas andere Realität. Zwar fahren tatsächlich viele Züge, doch nicht unter den gewohnten Bedingungen. Laut der Gewerkschaft SUD Rail manipuliert die SNCF die Statistik: Statt der üblichen Doppelstock-TGV mit vier Kontrolleuren setzt man nun auf einfache Züge, bei denen ein einziger Kontrolleur ausreicht. Die Folge: Weniger Platz für Reisende – aber eben auch kein Streikausfall in den offiziellen Zahlen.
Ein Trick, der im Zahlenwerk elegant aussieht, aber das eigentliche Problem nur kaschiert. Denn der Unmut der Kontrolleure bleibt bestehen, und die Notlösung mit Führungskräften im Borddienst kann kaum dauerhaft funktionieren. Schließlich geht es hier nicht nur um das bloße Abstempeln von Fahrkarten, sondern auch um Sicherheit, Service und Konfliktmanagement – Aufgaben, die Erfahrung und Fingerspitzengefühl verlangen. Ob ein Manager aus der Verwaltung das leisten kann, darf man mit gutem Recht infrage stellen.
Dass der Streik nach außen kaum sichtbar ist, macht ihn nicht weniger relevant. Im Gegenteil – es zeigt, wie sehr sich die SNCF auf symbolische Normalität verlässt, während die eigentlichen Spannungen unter der Oberfläche weiter brodeln. Und was passiert beim nächsten Mal, wenn die Freiwilligen nicht mehr reichen oder die Konflikte eskalieren?
Vielleicht braucht es genau solche Streiks, die kaum einer bemerkt, um ein grundsätzliches Umdenken anzustoßen. Denn wenn die Bahn auf Dauer funktionieren soll, dann nicht durch Trickserei, sondern durch echte Anerkennung derer, die den Betrieb am Laufen halten – Tag für Tag, Zug für Zug.
Von Andreas M. B.