Drei Worte reichen, um die Atmosphäre jenes Abends zu beschreiben: Lärm, Angst, Ohnmacht.
Am 20. März 2023 eskaliert in Paris die Situation am Rande einer Demonstration gegen die Rentenreform. Nicht durch die Protestierenden – sondern durch jene, die eigentlich für Ordnung sorgen sollen. Zehn Polizisten der berüchtigten motorisierten Eingreiftruppe Brav-M stehen nun im Zentrum eines Prozesses, der mehr ist als eine gewöhnliche Strafverhandlung. Er gleicht einem Schlaglicht auf das Verhältnis zwischen Staatsmacht und Zivilgesellschaft.
Doch statt bereits im Herbst 2024 zur Rechenschaft gezogen zu werden, wurde die Verhandlung vom Strafgericht Bobigny auf den 3. April 2025 verschoben.
Warum das Aufsehen?
Ein Tonband bringt den Stein ins Rollen. 23 Minuten lang dokumentiert es, wie Polizisten beleidigen, drohen, einschüchtern – unter anderem eine junge Frau namens Salomé und einen Studenten namens Souleyman. Letzterer ist der einzige Schwarze unter den sieben damals festgenommenen Personen. Der Mitschnitt offenbart eine Rhetorik, die man eher aus düsteren Polizeistaaten kennt: sexistische, rassistische Äußerungen, Drohungen mit körperlicher Gewalt – alles aufgezeichnet, alles ungeschönt.
Was dann folgt, ist ebenso ungewöhnlich: Nicht nur zwei Beamte werden zur Verantwortung gezogen, wie ursprünglich von der Staatsanwaltschaft vorgesehen. Der Anwalt der Betroffenen, Arié Alimi, reicht in einem selten genutzten juristischen Schritt direkte Klagen gegen insgesamt zehn Polizisten ein. Die Vorwürfe reichen von verbalen Ausfällen bis hin zu mutmaßlich sexuellen Übergriffen bei Durchsuchungen. Eine ganze Einheit der Brav-M soll sich nun verantworten.
"Der Prozess des staatlichen Gewaltmonopols", wie Alimi ihn nennt.
Die Anklagepunkte sprechen eine klare Sprache: "Gewalt durch Amtsträger" und "Androhung von Gewalt". Doch dahinter steckt mehr. Es geht um das Bild der Polizei in einer Gesellschaft, in der das Vertrauen in Ordnungskräfte nicht mehr selbstverständlich ist. Wer schützt uns eigentlich, wenn jene, die schützen sollen, selbst zur Gefahr werden?
Und: Wieso dauert es zwei Jahre, bis ein solcher Prozess überhaupt ins Rollen kommt?
Die Betroffenen – Salomé und Souleyman – zeigen Geduld. "Sie haben schon viel gewartet, sie warten weiter", so ihr Anwalt. Doch ihre Hoffnung ist klar: Die Beamten sollen am 3. April 2025 vor Gericht erscheinen – nicht anonym, nicht hinter Helmen, sondern mit offenem Gesicht und klaren Antworten.
Die Brav-M, eine Spezialeinheit der Pariser Polizei, steht schon länger in der Kritik. Ihr martialisches Auftreten, die enge Verflechtung mit anderen Eingreiftruppen, das aggressive Vorgehen bei Demonstrationen – all das wirft Fragen auf. In sozialen Netzwerken kursieren seit Jahren Videos, die Polizeigewalt dokumentieren. Doch selten kommt es zu so klaren Konsequenzen.
Ob das Verfahren ein Wendepunkt sein könnte? Möglich. Die Tatsache, dass eine ganze Polizeieinheit auf die Anklagebank muss, ist beispiellos. Für viele ein Zeichen, dass sich auch innerhalb der Justiz ein neues Bewusstsein entwickelt. Eines, das sagt: Nicht alles darf unter dem Deckmantel der "öffentlichen Ordnung" geschehen.
Natürlich, Polizisten haben einen schwierigen Job. Sie stehen oft unter enormem Druck, müssen in Sekunden entscheiden, was richtig oder falsch ist. Aber wenn aus Machtmissbrauch systematische Gewalt wird – dann braucht es klare Grenzen. Und Konsequenzen.
Vielleicht wird dieser Prozess auch zum Prüfstein für die politische Kultur in Frankreich. Denn es geht längst nicht mehr nur um einen Abend in Paris, sondern um ein gesamtgesellschaftliches Klima – zwischen Protestkultur, polizeilichem Handeln und bürgerlichen Grundrechten.
Bleibt nur eine Frage: Was wäre, wenn es dieses Tonband nie gegeben hätte?
Von C. Hatty