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Vertrauen Fehlanzeige: Warum Frankreichs neuer Premier Lecornu schon jetzt auf wackeligen Füssen steht

Ein Drittel. Mehr nicht. Gerade einmal 35 Prozent der Französinnen und Franzosen sprechen Sébastien Lecornu zum Start seines Amts als Premierminister ihr Vertrauen aus. Das zeigt eine aktuelle Umfrage von Toluna-Harris Interactive für den Sender LCI. Und Lecornu ist kein Unbekannter – er war Verteidigungsminister, Macron-Vertrauter, Mann der Apparate. Doch jetzt, auf der großen Bühne, beginnt…

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Ein Drittel. Mehr nicht.

Gerade einmal 35 Prozent der Französinnen und Franzosen sprechen Sébastien Lecornu zum Start seines Amts als Premierminister ihr Vertrauen aus. Das zeigt eine aktuelle Umfrage von Toluna-Harris Interactive für den Sender LCI. Und Lecornu ist kein Unbekannter – er war Verteidigungsminister, Macron-Vertrauter, Mann der Apparate. Doch jetzt, auf der großen Bühne, beginnt seine Amtszeit mit einem lauten Misstrauensvotum aus der Bevölkerung.

Ein Einzelfall? Leider nein. Auch andere Studien bestätigen den Trend: Public Sénat misst ihm 34 Prozent Vertrauen zu, Odoxa spricht von einem Absturz der Zustimmung um 9 Prozentpunkte innerhalb nur einer Woche. Der neue Premierminister ist also nicht nur neu – er ist bereits angezählt.

Kein Tiefpunkt, aber doch tief

Klar, Lecornus Zahlen sind nicht historisch einzigartig. In der jüngeren französischen Geschichte hat es Premierminister mit ähnlich schwierigen Starts gegeben. Doch ein zweitschlechtester Vertrauenswert seit 2012 – das ist mehr als ein statistischer Ausrutscher. Es ist ein Symptom.

Denn das Vertrauen in die politischen Institutionen bröckelt nicht erst seit gestern. Schon Lecornus Vorgänger François Bayrou musste das schmerzlich erfahren: Seine Regierung wurde durch ein Misstrauensvotum in der Nationalversammlung gestürzt. Das Vertrauen, das einst aus Ämtern automatisch erwuchs, muss heute mühsam erarbeitet werden.

Und Lecornu? Der scheint sich noch im Warm-up zu befinden – während um ihn herum längst der Ernstfall tobt.

Warum so wenig Vertrauen?

Die Gründe für Lecornus miserablen Start liegen auf der Hand – und sind gleichzeitig vielschichtig. Vier Faktoren spielen eine zentrale Rolle:

1. Das Macron-Label

Lecornu ist kein unabhängiger Kopf, kein Quereinsteiger mit rebellischem Esprit. Er ist Macronianer durch und durch – loyal, eng vernetzt, staatsnah. Für viele ist er damit kein frischer Wind, sondern ein weiterer Ausdruck eines Systems, dem sie zunehmend misstrauen. Das zeigen auch die Umfragen: Viele derer, die Lecornu ablehnen, meinen in Wirklichkeit die gesamte Exekutive – also auch Macron selbst.

2. Politische Großwetterlage

Frankreich befindet sich in einer Art Dauerkrise: soziale Spannungen, ein zerstrittenes Parlament, angespannte Staatsfinanzen. Der politische Spielraum ist eng wie nie – und wer antritt, steht sofort unter Druck. Fehler verzeihen die wenigsten. Im Gegenteil: Die Skepsis ist systemisch geworden.

3. Wo bleibt das Signal?

Bisher zeigt sich Lecornu vor allem im Gesprächsmodus. Er trifft sich mit Gewerkschaften, spricht mit Parteien – ein guter Anfang, könnte man meinen. Aber aus diesen Treffen entstehen bislang keine sichtbaren Entscheidungen. Kein Signal, kein Taktgeber, kein Ruck. Und genau das macht die Menschen ungeduldig. Wer führt, muss führen – nicht nur zuhören.

4. Dauerkrise der Repräsentation

Lecornus schwacher Vertrauenswert ist auch ein Kapitel in einer größeren Geschichte: der Entfremdung zwischen Bürgern und Politik. Viele Franzosen glauben längst nicht mehr, dass gewählte Vertreter ihre Interessen wirksam vertreten. Das ist kein Lecornu-Problem – aber eines, das ihn von Beginn an belastet.

Was jetzt? Die Gratwanderung beginnt

Die schlechte Nachricht für Lecornu: Der Vertrauensvorschuss bleibt aus.

Die gute Nachricht: Er hat noch alles vor sich.

35 Prozent Vertrauen bedeuten auch: Zwei Drittel sind noch zu gewinnen. Doch das gelingt nicht mit Wohlfühlrhetorik oder routinierten Regierungserklärungen. Es braucht klare Zeichen – und mutige Entscheidungen.

Was wären die ersten Schritte?

→ Klare Projekte mit Symbolkraft. Ein echter Impuls in Sachen Klimapolitik. Ein sozialpolitisches Vorhaben, das überrascht. Eine Steuerreform, die nachvollziehbar ist. Die Menschen müssen das Gefühl bekommen: Da passiert etwas – und zwar nicht nur auf PowerPoint-Folien.

→ Kommunikation, die Menschen mitnimmt. Lecornu muss erklären, ohne zu dozieren. Zuhören, ohne sich treiben zu lassen. Und Entscheidungen vertreten, ohne sich hinter Macron zu verstecken. Eine Gratwanderung – aber eine notwendige.

→ Präsenz auf dem Terrain. Der Premier muss raus aus den Pariser Salons, rein ins Land. Menschen treffen, Konflikte aushalten, Nähe zeigen. Nur so wird aus „dem da oben“ ein Gesicht, mit dem man sich vielleicht irgendwann identifizieren kann.

→ Nicht zaudern. Die große Versuchung jeder neuen Regierung: sich Zeit nehmen, um „alles richtig zu machen“. Doch wer zu lange laviert, wird schnell als schwach wahrgenommen. Vertrauen wächst nicht im Vakuum – es braucht Bewegung.

Eine Statistik mit Sprengkraft

„Ein Franzose von drei“ – das klingt harmlos, fast mathematisch korrekt. Doch dahinter verbirgt sich eine politische Realität, die explosiv sein kann.

Denn Vertrauen ist kein Bonus – es ist die Grundlage jeder Regierungsfähigkeit. Wer zu wenig davon besitzt, kann sich nicht auf die Kraft des Amtes verlassen. Er muss sie sich erarbeiten – Tag für Tag, Entscheidung für Entscheidung.

Sébastien Lecornu hat das Spielfld betreten mit wenig Rückenwind, aber vielen Erwartungen. Die große Frage lautet nun: Wird er zum Spielmacher – oder zum Statisten in einem weiteren Kapitel politischer Enttäuschung?

Der Ball liegt bei ihm.

Von C. Hatty