Der Entschluss reifte nicht über Nacht. Für Jennifer, eine französisch-israelische Mutter dreier Kinder, war es ein schleichender Prozess – und doch war irgendwann klar: So geht es nicht weiter. Sie und ihr Mann verlassen Israel. Ihr Ziel: Portugal.
Ein radikaler Schritt? Vielleicht. Aber einer, der sich für sie fast schon wie eine Notwehr anfühlt.
Vom Traum zur Ernüchterung
Vor 13 Jahren tauschte das Ehepaar sein Leben in Frankreich gegen den israelischen Traum. Sonne, Gemeinschaft, kulturelle Nähe – ein Neustart mit Hoffnung im Gepäck. Ihre Kinder kamen in Israel zur Welt, wuchsen dort auf, gingen zur Schule. Alles schien auf einem guten Weg.
Doch dann veränderte sich etwas – zunächst langsam, dann rasant. Jennifer schildert es so: „Ich erkenne das Land nicht mehr, das ich mir damals ausgesucht habe.“ Was ist passiert?
Politik, die entfremdet
Die Entwicklungen der letzten Monate unter der Führung von Premierminister Benyamin Netanjahu haben viele schockiert. Autokratische Tendenzen, die systematische Schwächung der Justiz, zuletzt die mögliche Absetzung der Generalstaatsanwältin Gali Baharav-Miara – all das lässt viele Menschen zweifeln.
„Wir haben das Vertrauen in unsere Regierung vollständig verloren“, sagt Jennifer. Ihre Stimme ist ruhig, aber bestimmt. Es gehe nicht nur um politische Differenzen, sondern um Grundwerte – etwa, dass das Budget immer stärker in die religiöse Bildung fließe, während die säkulare Bildung auf der Strecke bleibe.
Eine Heimat, die sich fremd anfühlt
„Es sind Entscheidungen, mit denen wir uns überhaupt nicht identifizieren können“, erklärt sie. Die Regierung habe sich radikalisiert – und entferne sich immer mehr vom Alltag vieler Familien.
Zugleich bringt die allgegenwärtige Gewalt zusätzliche Belastungen. Seit dem 7. Oktober hat der Krieg das Land im Griff. Jennifer erzählt, wie sehr das ihre Familie verändert hat. Ihr zehnjähriger Sohn spricht über Soldaten, die kaum volljährig sind – und an die Front müssen. Er fragt, ob die befreiten Geiseln mit ihren Eltern zusammen waren. Fragen, die tief gehen. Und beunruhigen.
„Unsere Kinder haben ihre kindliche Naivität viel zu früh verloren“, sagt sie. Eine Aussage, die hängen bleibt. Wer möchte schon, dass Zehnjährige über Krieg, Tod und Geiselhaft diskutieren – weil es ihr Alltag ist?
Wohin, wenn man nicht willkommen ist?
Portugal ist das neue Ziel. Ein Land, das vergleichsweise offen ist – auch gegenüber Israelis. Denn das sei ein weiteres Problem, betont Jennifer: „Als Israelis sind wir nicht überall willkommen. Wir überlegen uns gut, wo unsere Kinder sagen können, woher sie kommen.“
Der Wunsch nach Sicherheit, Normalität und einer Zukunft, in der politische Spannungen nicht den Alltag dominieren – das wiegt schwer. Und Portugal bietet zumindest eine Hoffnung.
Und dann ist da noch das Geld
Nicht zuletzt macht auch die Inflation das Leben in Israel immer schwieriger. Laut OECD waren 2022 die Preise für Alltagswaren fast 40 Prozent höher als im Durchschnitt der Mitgliedsstaaten. Wer eine Familie ernährt, spürt das Tag für Tag.
Für Jennifer war dies der letzte Anstoß. Die Entscheidung fiel endgültig.
Abschied mit schwerem Herzen
Trotz allem – leicht fällt der Abschied nicht. Denn es geht um mehr als einen Umzug. Es geht um ein Stück Identität, um Wurzeln, um Erinnerungen. „Es ist nicht einfach, aber wir sehen keine andere Möglichkeit mehr“, sagt sie. Man spürt den Zwiespalt – doch der Wunsch nach Stabilität überwiegt.
Wie viele Familien werden diesem Beispiel folgen? Eine unbequeme Frage, die sich Israels Regierung stellen muss – und bald beantworten sollte.
Von C. Hatty