Sechs Monate nach dem verheerenden Wirbelsturm Chido steht das französische Departement Mayotte noch immer unter Schock – und auf wackligen Beinen, was seine Ernährungssicherheit angeht. Der tropische Zyklon, der mit voller Wucht über das französische Überseegebiet fegte, hat nicht nur Häuser und Straßen zerstört, sondern vor allem das Herzstück der Insel getroffen: die Landwirtschaft.
Ein Jahrhundertsturm, der alles veränderte
Im Dezember 2024 wütete Chido mit Windgeschwindigkeiten von über 220 Stundenkilometern – eine Naturgewalt, wie sie die Insel seit fast 100 Jahren nicht mehr erlebt hatte. Die Folge? Verwüstete Felder, entwurzelte Bäume, zerstörte Ernten. Maniok, Bananen, Mais – alles dahin. Besonders hart traf es die kleinbäuerlichen Strukturen, die sich bisher in mühsamer Arbeit eine gewisse Selbstversorgung erkämpft hatten.
Doch nun? Die Regale bleiben leer, und die Abhängigkeit von Importen wächst mit jedem Tag. Produkte, die einst frisch vom Feld kamen, müssen nun über weite Strecken eingeflogen oder verschifft werden. Vor allem Grundnahrungsmittel wie Reis und Knollenfrüchte fehlen – und mit ihnen ein Stück Alltagssicherheit.
Wenn der Weg zum Feld versperrt ist
Als wäre das nicht genug, sind rund 70 Prozent der Straßen unpassierbar – Schlamm, Schutt, zerstörte Brücken. Für viele Bauern bedeutet das: Ihre Felder sind unerreichbar. Und wenn nichts geerntet werden kann, bleibt auch der Markt leer. Eine Abwärtsspirale, die sich nur schwer stoppen lässt.
Vor dem Sturm deckte die heimische Landwirtschaft immerhin etwa die Hälfte des Lebensmittelbedarfs der Insel. Jetzt? Nicht einmal ein Viertel. Eine ganze Region ringt um ihre Unabhängigkeit – und ein wenig auch um ihre Würde.
Maßnahmen mit Ablaufdatum
Natürlich haben die Behörden reagiert. Ein bisschen jedenfalls. Die Einfuhr von Pflanzen und Lebensmitteln wurde erleichtert – zumindest bis Ende Juli 2025. La Réunion und Madagaskar springen ein, liefern frisches Gemüse und Setzlinge. Doch das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Gleichzeitig hat die Europäische Kommission angekündigt, das Förderprogramm POSEI anzupassen. Flexiblere Hilfen sollen den Bauern auf Mayotte ermöglichen, schnell wieder durchzustarten – sofern sie überhaupt noch Land haben, das sie bestellen können. Denn viele Felder sind nicht nur zerstört, sondern durch Erosion nach dem Sturm dauerhaft unbrauchbar geworden.
Hoffnung auf lange Sicht?
Und genau hier liegt das eigentliche Problem: Kurzfristige Hilfe mag die schlimmste Not lindern, doch für eine echte Wende braucht es mehr. Viel mehr. Es geht um neue Infrastrukturen, widerstandsfähige Anbaumethoden, den Zugang zu Krediten, technische Unterstützung – und nicht zuletzt um Vertrauen.
Wie soll ein junger Mensch in Mayotte den Beruf des Landwirts wählen, wenn der nächste Sturm jederzeit alles zunichtemachen kann?
Lernen für die Zukunft
Vielleicht ist es Zeit für einen Neuanfang – nicht zurück zum Alten, sondern mit einem klaren Blick nach vorn. Warum nicht klimaresistente Pflanzenarten fördern? Oder Gemeinschaftsgärten und lokale Initiativen, die Wissen teilen und Ressourcen bündeln?
In Krisen liegt oft auch eine Chance verborgen. Die Landwirtschaft in Mayotte braucht keine Pflaster, sondern echte Aufbauhilfe – und zwar aus einem Guss. Französische Behörden, EU, NGOs und lokale Kräfte müssen gemeinsam anpacken, nicht nebeneinander herarbeiten.
Denn eines steht fest: Ohne funktionierende Landwirtschaft bleibt Mayotte verletzlich. Ein einziger weiterer Zyklon, und das fragile Gleichgewicht kippt endgültig. So weit darf es nicht kommen.
Von C. Hatty