Eine KI, ein patriotischer Anlass und ein Sturm der Kritik: Frankreichs Versuch, mithilfe künstlicher Intelligenz an die Résistance zu erinnern, geriet am 27. Mai 2025 zum medialen Fiasko. Auf TikTok und Instagram veröffentlichte der staatliche Informationsdienst (SIG) eine animierte Video-Hommage unter dem Titel „POV: Du bist eine Frau der Résistance im Zweiten Weltkrieg“. Eigentlich sollte das Video anlässlich des nationalen Gedenktags die Heldinnen der Résistance ehren. Doch es schlug fehl – und das krachend.
Der Clip zeigte eine junge Frau, die am helllichten Tag eine Untergrundzeitung mit dem – recht offensichtlich generierten – Titel „Clandestine“ verteilt. Auffällig: Sie trägt eine trikolore Armbinde, als würde sie geradewegs der Karikatur einer Résistance-Kämpferin entstammen. In der nächsten Szene wird sie von deutschen Soldaten verhaftet. Den Gipfel der Absurdität erreicht das Video schließlich mit einer „Befreiung von Paris“-Szene, in der ein vermeintlicher Alliierter ein Helm im design der Wehrmacht trägt – und hinter den jubelnden Figuren weht auch noch eine japanische Nationalflagge.
Ein Fehler? Eher ein Paradebeispiel dafür, wie falsch es laufen kann, wenn Technik auf historische Verantwortung trifft.
Zwar räumte das SIG ein, dass zwar das Skript zuvor von Experten geprüft worden sei – aber eben nicht das finale visuelle Produkt. Die Bilder habe man ungeprüft aus der KI übernommen. Eine überarbeitete Version sei nun in Arbeit – diesmal mit offizieller Unterstützung von Historikern der Fondation de la Résistance.
Doch der Schaden war da. Besonders in sozialen Netzwerken kochte die Empörung hoch. Viele Nutzer fragten sich: Ist es wirklich so schwer, historische Korrektheit sicherzustellen, wenn man Zugriff auf zahllose Archive und Fachleute hat? Und darf ausgerechnet der Staat bei der Vermittlung von Geschichte derart leichtfertig vorgehen?
Diese Kontroverse war nicht die erste ihrer Art. Bereits am 29. April 2025 hatte die französische Regierung eine KI-generierte Videoanimation veröffentlicht – zum 80. Jahrestag des Frauenwahlrechts in Frankreich. Historisch korrekt? Weitestgehend ja. Aber auch diese Produktion wurde kritisiert: Die Frau darin wurde reduziert auf Mutterschaft und Ehe, das revolutionäre Moment der politischen Ermächtigung trat in den Hintergrund. Wieder einmal wirkte die KI wie ein Prisma, das komplexe Geschichte auf stereotype Figuren beschränkt.
So weit, so problematisch.
Doch was steckt dahinter? Der Einsatz von künstlicher Intelligenz zur Illustration historischer Ereignisse ist ein wachsender Trend – und bietet zweifellos kreative Potenziale. Solche Clips können Geschichte nahbar machen, vor allem für ein junges Publikum. Sie können Interesse wecken, Dialoge anstoßen, Erinnerungsarbeit digitalisieren. Aber: Ohne klare Standards und fundierte Prüfung wird das Ganze zur Gratwanderung zwischen Aufklärung und Verzerrung.
Gerade in Zeiten, in denen sich Fakten und Fiktion im digitalen Raum immer häufiger vermischen, braucht es verlässliche Quellen, authentische Archivbilder – und vor allem Menschen mit historischem Feingefühl. Denn eine KI kennt keine ethische Verantwortung. Sie produziert, was man ihr vorgibt – oder eben das, was ihre Trainingsdaten nahelegen. Dabei entstehen nicht selten logische Brüche, kulturelle Missverständnisse oder schlicht absurde Fehlinterpretationen.
Muss man sich also von KI-gestützten Bildungsformaten verabschieden? Keineswegs. Aber sie sollten eben nicht ohne menschliche Kontrolle auskommen. Jede Technologie ist nur so gut wie ihr Einsatz. In der Geschichte – und besonders in der Erinnerungskultur – zählt Genauigkeit, Kontext und Respekt. Ein animierter Clip mit japanischer Flagge zur Befreiung von Paris ist mehr als nur ein peinlicher Lapsus – er kann ganze Narrative verzerren, falsche Eindrücke zementieren und die Arbeit von Historikern konterkarieren.
Wenn schon Innovation, dann bitte mit Verantwortungsbewusstsein.
Wäre es nicht klüger gewesen, echte Zeitzeuginnen zu Wort kommen zu lassen, statt Avatare mit fragwürdiger Ausstattung durch virtuelle Straßenschluchten zu schicken? Die Antwort liegt auf der Hand.
Von Andreas M. Brucker