Die 32. Ausgabe der Victoires de la musique classique, die am Mittwochabend im Théâtre des Arts in Rouen stattfand, war eine große Bühne für weibliche Künstlerinnen. Vier der sieben Preise gingen an Musikerinnen – darunter die beiden prestigeträchtigsten Auszeichnungen: Lucile Richardot wurde als beste lyrische Künstlerin geehrt, während Lucile Boulanger den Preis als beste Instrumentalsolistin erhielt.
Die Eröffnung der Zeremonie gestaltete das Orchestre de l’Opéra Normandie Rouen unter der Leitung von Victor Jacob mit einer mitreißenden Interpretation von Bizets „L’Arlésienne“. Danach folgte eine Nacht voller Überraschungen, emotionaler Momente und musikalischer Exzellenz.
Lucile Richardot: Ein unerwarteter Sieg mit Humor und Herz
Als Lucile Richardot, die charismatische Mezzosopranistin, ihren Preis entgegennahm, war sie selbst am meisten überrascht. „Es ist seltsam, das wirkte für mich unerreichbar. Ich hatte nicht mal eine Rede vorbereitet“, gab sie lachend zu. Ihre Aufregung hielt sie nicht davon ab, das Publikum mit ihrer humorvollen Improvisation zu begeistern.
Richardot begann ihre Laufbahn als Amateurin, bevor sie an der Maîtrise Notre-Dame de Paris und später am Conservatoire à rayonnement régional (CRR) de Paris ihre klassische Ausbildung absolvierte. Heute singt sie auf den bedeutendsten Bühnen der Welt – darunter die Carnegie Hall in New York und die Mailänder Scala.
Lucile Boulanger: Die Virtuosin der Viola da Gamba
Die Gambistin Lucile Boulanger, die bereits mit fünf Jahren ihr Instrument entdeckte, konnte sich über eine wohlverdiente Ehrung freuen. „Ich bin zufrieden und voller Dankbarkeit“, erklärte sie in ihrer Rede.
Doch sie nutzte den Moment auch für eine Botschaft: Sie erinnerte an die Bedeutung des französischen Intermittent-Systems, das freischaffenden Künstlern ermöglicht, Zeiten intensiven Übens und Forschens zu finanzieren. „Dieses System wird oft als Faulenzerei von Arbeitslosen abgetan, doch in Wahrheit gibt es uns die nötige Zeit, um unsere Kunst weiterzuentwickeln“, betonte sie.
Boulanger, Absolventin des Conservatoire national supérieur de musique et de danse (CNSMD) de Paris, hat in ihrer Karriere mit namhaften Künstlern zusammengearbeitet – unter anderem mit Mourad Merzouki, einem der führenden Hip-Hop-Choreografen Frankreichs.
Lorraine Campet: Die Kontrabassistin, die Geschichte schrieb
Erstmals in der Geschichte der Victoires de la musique classique wurde eine Kontrabassistin in der Kategorie „Révélation soliste instrumentale“ nominiert – und sie gewann! Lorraine Campet, die als „Super-Solistin“ im Orchester der Opéra de Paris tätig ist, setzte sich durch und widmete ihren Erfolg ihrem Instrument:
„Die Kontrabass verdient es, entdeckt zu werden. Es wäre großartig, wenn mehr Kinder anfangen würden, ihn zu spielen.“
Mit ihrer Leistung zeigt sie eindrucksvoll, dass der Kontrabass weit mehr als nur ein Begleitinstrument ist – ein Schritt hin zu einer größeren Anerkennung dieses oft unterschätzten Klangkörpers.
Weitere Preisträger: Nachwuchs, Komponisten und eine Legende
Neben den großen Gewinnerinnen des Abends gab es noch weitere herausragende Auszeichnungen:
🎼 Julie Roset wurde zur „Révélation artiste lyrique“ gekürt. Die aus dem Conservatoire du Grand Avignon stammende Sopranistin ist Gewinnerin des Operalia-Wettbewerbs 2023. Bald wird sie als Timna in Rameaus „Samson“ an der Opéra-Comique in Paris zu sehen sein.
🎼 Simon Proust wurde als vielversprechender Dirigent geehrt. Der 34-jährige Franzose, der unter anderem am CNSMD de Paris und am Royal Conservatoire of Scotland studiert hat, bewegt sich mühelos zwischen Barock, Klassik und zeitgenössischer Musik.
🎼 Régis Campo, Träger des renommierten Rom-Preises (1999), erhielt die Auszeichnung als „Komponist des Jahres“ für seine innovative Komposition „Dancefloor With Pulsing“, die das elektronische Theremin in den Mittelpunkt stellt.
🎼 Georges Benjamin wurde für die beste Einspielung ausgezeichnet – mit „Picture a day like this“, das 2023 beim Festival von Aix-en-Provence uraufgeführt wurde.
🎼 Ein Ehrenpreis ging an die gefeierte Sopranistin Natalie Dessay, die bereits sechsmal in der Kategorie „Künstler des Jahres“ ausgezeichnet wurde.
Ein besonders bewegender Moment war die Hommage an Jodie Devos, die belgische Sopranistin, die im Juni 2024 im Alter von nur 35 Jahren einem Krebsleiden erlag.
Fazit: Ein glanzvoller Abend für die Musik – und für die Frauen
Die Victoires de la musique classique 2025 setzten ein starkes Zeichen für weibliche Exzellenz in der klassischen Musik. Ob Mezzosopran, Viola da Gamba oder Kontrabass – die Siegerinnen des Abends haben gezeigt, dass Talent und Leidenschaft keine Grenzen kennen.
Und wer weiß? Vielleicht inspiriert der Erfolg von Lorraine Campet ja tatsächlich die nächste Generation von Kontrabass-Spielerinnen.
Catherine H.