Alle Artikel · 27.04.2025 05:28
Vom Auspuff zum Artilleriegeschoss: Wie die Fonderie de Bretagne zur Munitionsfabrik wurde
In Caudan, einer kleinen Stadt im bretonischen Morbihan, hat sich eine traditionsreiche Gießerei neu erfunden – und das mit einem Paukenschlag. Die Fonderie de Bretagne, einst ein Zulieferer für Renault, wird künftig keine Autoteile...
In Caudan, einer kleinen Stadt im bretonischen Morbihan, hat sich eine traditionsreiche Gießerei neu erfunden – und das mit einem Paukenschlag. Die Fonderie de Bretagne, einst ein Zulieferer für Renault, wird künftig keine Autoteile mehr produzieren, sondern Granaten. Ein drastischer Wandel, der nicht nur die Industriepolitik Frankreichs widerspiegelt, sondern auch die geopolitischen Spannungen unserer Zeit.
Ein Werk im freien Fall
Gegründet 1965 und über Jahrzehnte ein fester Bestandteil der französischen Automobilindustrie, geriet die Fonderie de Bretagne in den letzten Jahren zunehmend unter Druck. Der Umsatz schrumpfte von stolzen 60 Millionen Euro auf magere 15 Millionen. Die Gründe: der Wandel hin zur Elektromobilität und die Verlagerung von Produktionsaufträgen ins Ausland. Im Januar 2025 folgte der Gang in die Insolvenz – ein Schock für die Belegschaft und die Region.
Europlasma: Ein ungewöhnlicher Retter
Der Retter kam aus einer unerwarteten Ecke: Europlasma, ein Unternehmen aus den Landes, das sich bislang auf die Behandlung gefährlicher Abfälle und Dekarbonisierung spezialisiert hatte. Doch Europlasma hatte bereits Erfahrung in der Rüstungsindustrie gesammelt, unter anderem durch die Übernahme der Forges de Tarbes, die Komponenten für 155-mm-Granaten herstellen.
Am 25. April 2025 genehmigte das Handelsgericht in Rennes die Übernahme der Fonderie de Bretagne durch Europlasma. Der Plan: die Produktion von 250.000 Granaten noch im selben Jahr, mit einer Verdopplung im Folgejahr. Ein ambitioniertes Ziel, das die Umnutzung der bestehenden Infrastruktur und das Know-how der Belegschaft erfordert.
Arbeitsplätze gerettet – aber zu welchem Preis?
Die Übernahme sichert 266 der 286 Arbeitsplätze – ein Lichtblick für die Region. Renault, der frühere Eigentümer, unterstützt den Übergang mit 25 Millionen Euro. Zusätzlich fließen 15 Millionen Euro an Investitionen in die Modernisierung der Produktionsanlagen. Auch der Staat und lokale Behörden steuern 7 Millionen Euro bei.
Doch nicht alle sind begeistert. Ein Mitarbeiter bringt es auf den Punkt: "Wir sind nicht stolz darauf, Granaten herzustellen, aber wir brauchen hier Arbeit." Ein Dilemma, das viele in der Region beschäftigt.
Ein Spiegelbild der Zeitenwende
Die Umwandlung der Fonderie de Bretagne ist kein Einzelfall. In ganz Europa erleben wir eine Renaissance der Rüstungsindustrie, getrieben durch geopolitische Spannungen und den Krieg in der Ukraine. Die Europäische Kommission plant Investitionen von 800 Milliarden Euro bis 2030, um die Verteidigungsfähigkeit zu stärken. Frankreich allein will das Militärbudget auf 100 Milliarden Euro jährlich verdoppeln.
Europlasma positioniert sich geschickt in diesem Umfeld. Die Übernahme der Fonderie de Bretagne ist Teil einer Strategie, die auch die Diversifikation in den Agrar- und Eisenbahnsektor umfasst. Ein kluger Schachzug, um nicht ausschließlich von der Rüstungsindustrie abhängig zu sein.
Eine Frage der Ethik
Die Entscheidung, von Autoteilen auf Granaten umzusteigen, wirft ethische Fragen auf. Ist es vertretbar, Arbeitsplätze durch die Produktion von Waffen zu sichern? Oder ist es ein notwendiger Schritt, um die industrielle Basis zu erhalten? Die Meinungen gehen auseinander.
Fabrice Loher, Präsident der Agglomeration Lorient, betont die Bedeutung des industriellen Know-hows für die Region. Loïg Chesnais-Girard, Präsident der Region Bretagne, sieht in der Übernahme ein Zeichen für die industrielle Stärke der Bretagne und ihren Beitrag zur europäischen Souveränität.
Ein Modell für die Zukunft?
Die Transformation der Fonderie de Bretagne könnte als Modell für andere Regionen dienen, die mit dem Niedergang traditioneller Industrien kämpfen. Die Kombination aus staatlicher Unterstützung, privatem Engagement und strategischer Neuausrichtung zeigt, wie ein industrieller Neuanfang gelingen kann.
Doch der Weg ist steinig. Die Integration in die Rüstungsindustrie erfordert nicht nur technologische Anpassungen, sondern auch eine gesellschaftliche Debatte über die Rolle der Industrie in Zeiten globaler Unsicherheit.
Die Fonderie de Bretagne steht am Anfang eines neuen Kapitels – eines, das Chancen bietet, aber auch Herausforderungen mit sich bringt. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob dieser mutige Schritt ein Erfolg wird oder ob er als riskantes Experiment in die Geschichte eingeht.
Autor: Catherine H.