Alle Artikel · 26.04.2025 07:00
Wein gegen Atomkraft: Der Namensstreit im Bugey eskaliert
Warum Winzer und EDF vor Gericht ziehen – und was das über Identität und Image verrät. Inmitten der sanften Hügel der französischen Region Bugey gedeihen seit Jahrhunderten Reben, die einen Wein hervorbringen, der stolz...
Warum Winzer und EDF vor Gericht ziehen – und was das über Identität und Image verrät.
Inmitten der sanften Hügel der französischen Region Bugey gedeihen seit Jahrhunderten Reben, die einen Wein hervorbringen, der stolz das Prädikat „Appellation d’Origine Contrôlée“ (AOC) trägt. Doch dieser friedliche Ruf steht seit Jahren auf dem Spiel – und das liegt ausgerechnet an einer mächtigen Nachbarin: der Kernkraftwerksanlage von Bugey.
Zwei Welten prallen aufeinander – die des feinen Weins und die der harten Industrie. Der Zündstoff? Ein gemeinsamer Name.
„Bugey“ – ein Name, zwei Bedeutungen
Für die Winzer des Bugey ist die Sache klar: Ihr Name stand zuerst. Bereits 1958 wurden die Weine der Region als „Vin Délimité de Qualité Supérieure“ (VDQS) anerkannt – lange bevor 1968 die Baugenehmigung für das Kernkraftwerk durchgewunken wurde. Und genau hier liegt der Kern des Streits.
Jean-Luc Guillon, der Präsident des Winzersyndikats, bringt es auf den Punkt: „Der Name Bugey steht für Weinqualität, Terroir und Tradition. Wenn dieser Name aber mit einer Atomanlage in Verbindung gebracht wird, schadet das unserem Image – vor allem international.“
In Japan oder Skandinavien stießen Weine aus dem Bugey zuletzt vermehrt auf Skepsis. Kein Wunder – dort denkt man bei „Bugey“ inzwischen auch an radioaktive Zwischenfälle.
Reaktorlecks und Rufschaden
Denn die Liste der Pannen im Kernkraftwerk Bugey ist lang. Bereits 2020 musste Betreiber EDF wegen einer radioaktiven Leckage eine Strafe zahlen – 3.000 Euro, ein eher symbolischer Betrag. In den Jahren 2022 und 2023 kam es zu weiteren Vorfällen, die zwar offiziell als ungefährlich eingestuft wurden, aber die Ängste der Winzer nährten.
Die Verbindung „Bugey“ – Atomkraft – Radioaktivität sitzt tief. Und das lässt den guten Tropfen aus der Region plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen.
Vom Verhandlungstisch vor Gericht
Seit Jahren versuchen die Winzer, mit EDF eine Einigung zu finden. Ihr Ziel: Die Kernkraftanlage solle ihren Namen ändern, um Verwechslungen zu vermeiden. Doch EDF bleibt stur. Keine Kompromisse, kein Entgegenkommen.
Also griff das Winzersyndikat 2024 zum letzten Mittel: Sie verklagten den Energieriesen. Der Vorwurf: Die Nutzung des Namens „Bugey“ durch das Kraftwerk schädige die Reputation ihrer geschützten Herkunftsbezeichnung. Ein ungleicher Kampf – David gegen Goliath, Wein gegen Watt.
Déjà-vu aus der Drôme
Der Fall erinnert an die Winzer der Coteaux du Tricastin in der Drôme. Auch sie kämpften einst gegen das Stigma, das durch einen nahegelegenen Atomreaktor entstand. Doch sie wählten einen anderen Weg: 2010 tauften sie ihre Appellation kurzerhand in „Grignan-les-Adhémar“ um.
Ein Präzedenzfall? Für die Winzer aus dem Bugey ein absolutes No-Go. „Warum sollen wir unseren Namen ändern?“, fragen sie empört. Schließlich waren sie zuerst da. Ein Stück Heimat, ein Stück Identität steht auf dem Spiel.
Politik zwischen Sympathie und Stillstand
Unterstützung bekommen die Winzer immerhin aus Teilen der Politik. Energie-Staatssekretärin Olga Givernet zeigte sich verständnisvoll und betonte, dass die Winzer ein Recht auf ihren Namen hätten. Doch zwischen Verständnis und Handeln klafft eine Lücke – denn am Ende liegt die Entscheidung bei EDF.
Und dort? Bleibt man bislang unnachgiebig.
Mehr als ein Namensstreit
Dieser Konflikt ist mehr als nur eine juristische Auseinandersetzung um ein Label. Er berührt eine tiefere Frage: Wie können landwirtschaftliche Tradition und industrielle Großprojekte nebeneinander existieren, ohne einander zu schaden?
Die Winzer kämpfen nicht nur für ihre Verkaufszahlen – sie kämpfen für ihr Selbstverständnis. Für das Bild von Bugey als Ort der Natur, der Kultur, des Genusses. Ein Bild, das im Schatten von Reaktorruinen zu verblassen droht.
Gericht entscheidet – Identität auf dem Spiel
Nun liegt die Entscheidung beim Gericht. Doch wie auch immer sie ausfällt – der Fall Bugey zeigt, wie eng Wirtschaft, Image und Identität miteinander verwoben sind. Der Name eines Ortes ist eben nicht nur ein Etikett. Er ist ein Versprechen.
Und wer möchte schon einen Wein trinken, dessen Name nach Atomkraft klingt?
Von Andreas M. Brucker