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Weisser Wein statt schwarze Kohle: Wie ein schwarzer Hügel zum weißen Schatz wurde

Wer hätte gedacht, dass ein alter Kohlehügel einmal zur Wiege eines edlen Weißweins wird? Im nordfranzösischen Haillicourt, mitten im Pas-de-Calais, ist genau das geschehen. Wo früher der schwarze Staub des Bergbaus die Luft erfüllte, reifen heute Chardonnay-Trauben in der Sonne – auf einem Terril, also einem Abraumhügel. Der Wein, der hier entsteht, heißt „Charbonnay“ –…

Illustration Pixabay

Wer hätte gedacht, dass ein alter Kohlehügel einmal zur Wiege eines edlen Weißweins wird? Im nordfranzösischen Haillicourt, mitten im Pas-de-Calais, ist genau das geschehen. Wo früher der schwarze Staub des Bergbaus die Luft erfüllte, reifen heute Chardonnay-Trauben in der Sonne – auf einem Terril, also einem Abraumhügel. Der Wein, der hier entsteht, heißt „Charbonnay“ – eine charmante Wortschöpfung aus „Charbon“ (Kohle) und „Chardonnay“.

Vom Abraum zum Anbaugebiet

136 Meter hoch, steil wie ein Skihang mit bis zu 80 Prozent Neigung: Der Terril Nr. 9 der ehemaligen Grube 2 b ist kein gewöhnlicher Weinberg. Aber er ist auch kein gewöhnlicher Hügel. Früher war er das Abfallprodukt der Kohleförderung – heute ist er ein Symbol für Wandel und neue Perspektiven.

2011 wagten zwei Winzer aus der Charente das Abenteuer: Henri Jamet und Olivier Pucek pflanzten 3.000 Chardonnay-Reben auf 40 Hektar schwarzer Erde. Warum gerade hier? Ganz einfach: Die Südausrichtung, das Schiefergestein und die thermischen Eigenschaften des Bodens bilden ein kleines Weinbauparadies. Der dunkle Boden speichert tagsüber Wärme und gibt sie nachts an die Reben ab – ein natürlicher Wärmespeicher mitten im Norden Frankreichs.

Der erste Tropfen

Zwei Jahre nach der Pflanzung war es so weit: 2013 wurde die erste Ernte eingebracht. Das Ergebnis? Etwa 200 Liter eines ganz besonderen Weins. Kein Marketing-Gag, kein Industriewunder – sondern ein biologisch angebauter Weißwein mit Charakter und Geschichte.

Die Produktion ist klein, der Wein nicht im Handel erhältlich. Und dennoch hat der „Charbonnay“ längst Kultstatus – auch weil er bei Führungen über den Hügel verkostet wird. Ein Tropfen Vergangenheit, serviert in der Gegenwart.

Wein mit Wurzeln in der Geschichte

Dieser Wein schmeckt nicht nur nach Chardonnay, sondern auch nach Kohle, Schweiß und Wiedergeburt. Er erzählt von einem Landstrich, der sich neu erfindet – nicht trotz, sondern wegen seiner Geschichte. „Charbonnay“ ist kein einfacher Wein – er ist ein Gesprächsanlass, ein Denkmal, ein kleines Wunder im Glas.

Könnte man sich ein besseres Symbol für Transformation vorstellen?

Von der Kohle zur Kultur

Was in Haillicourt begann, macht Schule. In anderen Teilen der Region Hauts-de-France greifen Landwirte die Idee auf und pflanzen Reben auf stillgelegten Industriearealen oder brachliegenden Feldern. Unterstützt von Genossenschaften, neuen Kellereien und einem wachsenden Interesse an nachhaltigem Anbau.

Man sieht: Die Rebe treibt nicht nur im Boden aus – sondern auch in den Köpfen.

Tourismus trifft Terroir

Mittlerweile ist der Terril von Haillicourt zu einer echten Attraktion geworden. Wanderer, Weinfreunde und Neugierige pilgern auf den Hügel, genießen die Aussicht auf das ehemalige Kohlerevier und erfahren mehr über die Wandlungsfähigkeit einer ganzen Region. Was früher ein Ort harter Arbeit und rauer Realität war, ist heute ein Sinnbild für Aufbruch und Kreativität.

Selbst eingefleischte Weinliebhaber zeigen sich beeindruckt. Nicht wegen der Opulenz des Weins – sondern wegen seiner Geschichte.

Charbonnay – mehr als ein Name

Der Name „Charbonnay“ bringt es auf den Punkt. Er verbindet zwei Welten, die einst unvereinbar schienen: Industrie und Natur, Vergangenheit und Zukunft, Arbeit und Genuss. Und gerade deshalb ist er so kraftvoll. Hier wird keine Nostalgie gepflegt – hier wird Zukunft gemacht.

Übrigens: Auch wenn der Wein nicht verkauft werden darf, hat er längst seinen Platz gefunden. In Herzen, Gesprächen und Gläsern. Ganz lokal – aber mit internationaler Strahlkraft.

Und wer weiß – vielleicht sprießen ja bald auf weiteren Industriehügeln Frankreichs neue Weinreben?

Autor: Catherine H.

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