Es sind Zahlen, die man zweimal liest, weil sie sich beim ersten Mal kaum einprägen wollen. Und dann ein drittes Mal, weil sie so unerquicklich sind. In Frankreich lebt jeder dritte Student mit weniger als 50 Euro im Monat, nachdem Miete, Rechnungen und Lebensmittel bezahlt sind. Jeder Zehnte steht am Monatsende sogar mit exakt null Euro da. Das ist kein polemischer Zwischenruf aus einem Aktivistenpapier, sondern das nüchterne Ergebnis einer aktuellen Studie der Union étudiante, veröffentlicht Anfang Januar. Der Alltag vieler junger Menschen im französischen Hochschulsystem gleicht damit einem Dauerlauf auf dünnem Eis.
Die Studie, die in Auszügen von France Inter vorgestellt wurde, zeichnet ein Bild, das weit über Einzelfälle hinausgeht. Wer studiert, lebt oft von Verzicht. Mahlzeiten werden ausgelassen, Wohnungen bleiben ungeheizt, Arztbesuche verschoben – oder ganz gestrichen. Armut ist längst kein Randphänomen mehr, sondern Teil des studentischen Alltags geworden.
Aïsha, Geschichtsstudentin, Stipendiatin der fünften Förderstufe, gehört zu jenen, die statistisch sauber erfasst sind und dennoch aus dem Raster der politischen Aufmerksamkeit fallen. Etwas mehr als 500 Euro erhält sie monatlich. Ihre Wohnung in der Pariser Region kostet rund 800 Euro. Wie fast die Hälfte der befragten Studierenden arbeitet sie neben dem Studium. Nicht für den Urlaub, nicht für Konsum, sondern um überhaupt über die Runden zu kommen. Am Monatsende bleiben ihr, wenn es gut läuft, 20 Euro. „Das ist purer Stress“, sagt sie. Kein großes Drama in der Stimme. Eher eine sachliche Feststellung.
Diese Sachlichkeit zieht sich durch viele Aussagen. Fast die Hälfte der Studierenden gibt an, bereits Mahlzeiten ausgelassen zu haben, weil das Geld fehlte. Knapp ein Viertel tut dies mehrmals im Monat. Acht von zehn Befragten berichten, mindestens einmal auf eine grundlegende Ausgabe verzichtet zu haben – Heizung, Essen, medizinische Versorgung, manchmal sogar alles zugleich. Man muss sich das vorstellen: Studieren als permanentes Abwägen zwischen warmem Zimmer und vollem Magen.
Besonders drastisch zeigt sich die Lage im Gesundheitsbereich. Mehr als ein Viertel der Studierenden verzichtet aus finanziellen Gründen auf medizinische Behandlungen. Aïsha bringt es auf einen Satz, der hängen bleibt: „Außer in Notfällen gehe ich nicht zum Arzt.“ Gesundheit wird zur Verhandlungsmasse, zur variablen Größe im Monatsbudget. Noch bedrückender fällt der Blick auf die psychische Verfassung aus. Neun von zehn Studierenden berichten von Phasen seelischer Not. Fast alle. Und doch stehen ihnen kaum professionelle Ansprechpartner zur Verfügung.
In Frankreich kommt auf mehr als 1.000 Studierende ein einziger kassenzugelassener Psychologe. In ganzen Regionen – darunter die Meuse, die Lozère, Martinique und Französisch-Guayana – existiert kein einziges entsprechendes Angebot. Wer Hilfe sucht, braucht Geduld, Geld oder Glück. Oft alles zusammen. Wer keines davon hat, bleibt allein. Das ist kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles.
Auch beim Wohnen zeigt sich, wie brüchig das Fundament ist, auf dem akademische Karrieren errichtet werden sollen. 29 Prozent der Studierenden verfügten zu Beginn des Wintersemesters 2025 über keine dauerhafte Unterkunft. Das klingt nach Übergang, nach Provisorium. Tatsächlich bedeutet es für viele Couchsurfing, Notlösungen, Unsicherheit. Aïsha erzählt von einem Kommilitonen, der auch im Januar noch ohne feste Bleibe ist. Man glaubt es kaum – und weiß zugleich, dass es stimmt.
Doch selbst wer ein Dach über dem Kopf hat, lebt oft unter fragwürdigen Bedingungen. Sieben von zehn Studierenden klagen über Lärm, Kälte oder Ungeziefer. Der studentische Wohnraum ist vielerorts knapp, teuer und in schlechtem Zustand. Der Markt diktiert die Bedingungen, die Studierenden zahlen – mit Geld, Nerven und Gesundheit.
Die Studie basiert auf Angaben von 5.282 Studierenden, erhoben zwischen September und Dezember 2025, online und auf Papier. Die Befragten stammen aus unterschiedlichen Hochschulformen und Regionen. Es handelt sich nicht um eine verzerrte Teilmenge, sondern um ein breites Abbild des studentischen Lebens. Und dieses Abbild wirkt wie ein Spiegel, in den man nicht gerne schaut.
Denn die Frage drängt sich auf, was diese permanente Prekarität langfristig anrichtet. Wer ständig rechnen muss, wer arbeitet, um zu studieren, und studiert, um irgendwann arbeiten zu dürfen, verliert Zeit. Zeit zum Lesen, zum Nachdenken, zum Zweifeln. Bildung schrumpft auf Funktionalität. Das Studium wird zur logistischen Herausforderung, nicht zur geistigen Entfaltung. Ganz ehrlich: So war das nicht gedacht.
Dabei geht es nicht um Luxus oder Komfort. Es geht um elementare Voraussetzungen für Bildungsgerechtigkeit. Ein warmer Raum. Drei Mahlzeiten am Tag. Zugang zu medizinischer Versorgung. Mentale Stabilität. Alles Dinge, die man jungen Menschen im Studium eigentlich garantieren wollte. Stattdessen lernen viele früh, was Verzicht bedeutet. Das prägt. Und es hinterlässt Spuren.
Man hört in Gesprächen mit Studierenden oft einen seltsamen Fatalismus. „So ist das halt“, sagen sie. Oder: „Andere haben es noch schwerer.“ Das mag stimmen. Es entlastet jedoch niemanden von Verantwortung. Eine Gesellschaft, die ihren akademischen Nachwuchs systematisch an die Grenze bringt, spart kurzfristig Geld – und zahlt langfristig einen hohen Preis.
Die Zahlen der Union étudiante sind kein Weckruf mehr. Sie sind eher das Protokoll eines Zustands, der sich verfestigt hat. Prekarität als Normalzustand. Armut als Begleiterscheinung von Bildung. Man kann das hinnehmen. Oder man kann anfangen, darüber zu reden. Ernsthaft. Ohne Beschwichtigung. Ohne Ausreden.
Denn eines steht fest: Wer mit weniger als 50 Euro im Monat lebt, denkt nicht an morgen. Er denkt an heute. An das nächste Essen. An die nächste Rechnung. An den nächsten Kompromiss. Und das ist ein verdammt schlechter Ausgangspunkt für alles, was Zukunft heißen soll.
Autor: C.H.