Französische Straßen könnten 2025 ein wenig sicherer geworden sein – zumindest, wenn man der aktuellen Umfrage zur verantwortungsvollen Fahrweise der Fondation Vinci Autoroutes Glauben schenkt. Die jüngsten Ergebnisse zeigen: Die Zahl der gemeldeten Verkehrsdelikte und gefährlichen Fahrmanöver ist rückläufig. Ein kleiner, aber spürbarer Schritt in Richtung zivilisierterer Verkehrskultur.
Doch was steckt wirklich hinter diesen Zahlen?
Weniger Handy, mehr Aufmerksamkeit?
Die Nutzung von Smartphones oder GPS-Geräten während der Fahrt bleibt weit verbreitet – drei Viertel aller französischen Fahrer greifen laut Studie weiterhin am Steuer zum Handy. Immerhin: Diese Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken. Auch das Telefonieren am Steuer geht zurück, von 65 auf 61 Prozent. Dennoch, so betont Bernadette Moreau von der Fondation Vinci Autoroutes: „Zwei Sekunden Ablenkung bei Tempo 130 – das sind 72 Meter blindes Fahren.“
Man stelle sich vor, man läuft blindlings 70 Meter durch eine überfüllte Fußgängerzone – niemand würde das für eine gute Idee halten. Im Auto passiert genau das. Jeden Tag. Und dennoch scheint sich langsam ein Umdenken abzuzeichnen.
Männer risikobereiter, Frauen gesprächiger?
Interessant: Männer zeigen insgesamt mehr riskante Verhaltensweisen – ein Fakt, der sich mit den Unfallzahlen in Frankreich deckt. Aber beim Telefonieren während der Fahrt haben laut Barometer die Frauen die Nase vorn. Das heißt allerdings nicht, dass sie gefährlicher unterwegs sind – nur, dass sie öfter zum Hörer greifen. Ob das nun besser oder schlechter ist? Darüber ließe sich streiten.
Weniger Wut im Bauch – aber nur ein bisschen
Zwar beschimpfen weniger Menschen ihre Mitmenschen im Straßenverkehr – der Anteil sank auf 63 Prozent – aber das Grundgefühl bleibt angespannt. Ganze 87 Prozent der Fahrer sagen, sie hätten Angst vor aggressivem Verhalten anderer. Und fast jeder Fünfte gesteht, am Steuer zu einer anderen – oft gereizteren – Version seiner selbst zu werden. Warum verwandeln sich so viele freundliche Menschen hinterm Steuer in cholerische „Road Rager“?
Immerhin: Nur noch 13 Prozent steigen aus, um sich mit anderen Fahrern „auszusprechen“ – ein Rückgang gegenüber den 18 Prozent im Jahr zuvor. Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, dass der Straßenverkehr ein bisschen weniger zum Boxring geworden ist.
Die Regeln? Werden öfter eingehalten
Es gibt auch Fortschritte beim Einhalten von Verkehrsregeln. Die Zahl derjenigen, die Sicherheitsabstände nicht einhalten, ist leicht gesunken – von 72 auf 68 Prozent. Auch die notorische Geschwindigkeitsspielerei zeigt einen kleinen Rückgang: Nur noch neun von zehn überschreiten die erlaubte Höchstgeschwindigkeit – ein Prozentpunkt weniger als im Vorjahr. Ein Anfang.
Müdigkeit und Alkohol – ebenfalls im Rückzug
Ein erfreulicher Trend zeigt sich beim Thema Müdigkeit: 39 Prozent sagen, sie fahren trotz starker Erschöpfung – vier Prozent weniger als 2024. Alkohol und Drogen am Steuer? Auch hier geht’s bergab. Nur noch sieben Prozent geben zu, schon einmal betrunken gefahren zu sein – zwei Punkte weniger als im Vorjahr. Beim Cannabiskonsum liegt der Anteil insgesamt bei zwei Prozent.
Ein vorsichtiger Optimismus
Der große Durchbruch zur perfekten Verkehrsetikette ist es noch nicht. Aber es bewegt sich was. Immerhin sehen sich 96 Prozent der Befragten selbst als vorbildliche Fahrer – eine interessante Diskrepanz, wenn man die sonstigen Zahlen betrachtet. Der Glaube an das eigene Können ist ungebrochen. Doch gleichzeitig wächst die Sensibilität für die Fehler der anderen.
Ein Widerspruch? Vielleicht. Aber auch ein Hinweis darauf, dass viele Autofahrer noch in einem Zwiespalt stecken – zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Gewohnheit und Erkenntnis.
Am Ende bleibt die Frage: Muss es wirklich einen Unfall geben, bevor wir den Finger vom Handy lassen?
Von Andreas M. Brucker