Es ist kurz nach Mitternacht, als das neue Jahr im Elsass nicht mit Champagnergläsern, sondern mit Sirenen beginnt. In den Notaufnahmen von Strassburg schlägt die Silvesternacht binnen Minuten in medizinischen Ernst um. Blutige Hände, verbrannte Haut, zerfetzte Finger. Was draußen als Knall, Funke und kurzer Adrenalinschub beginnt, endet drinnen als chirurgischer Wettlauf gegen die Zeit.
Marwan ist siebzehn. Ein Alter, in dem man glaubt, alles im Griff zu haben. Er liegt auf der Trage, die Hand in Tücher gewickelt, das Blut sickert dennoch durch. Ein Böller, gezündet, zu spät losgelassen, vielleicht unterschätzt. Fingerknochen gebrochen, die Haut verbrannt, das Gewebe schwer geschädigt. Die Ärzte zögern nicht. Um Infektionen zu verhindern, geht es sofort in den OP. Für das Team Routine, für die Mutter im Wartebereich eine Ewigkeit. Fünfzehn bis dreißig Minuten dauert der Eingriff. Zeit, die sich dehnt wie Kaugummi. „Er wusste eigentlich, dass es gefährlich ist“, sagt sie später, noch immer mit zittriger Stimme. „Ich glaube, jetzt hat er es wirklich verstanden.“ Man hört diesen Satz oft in dieser Nacht.
Im Elsass gehört das Böllern zur Silvesterfolklore. Nicht nur Jugendliche zünden, auch Eltern, manchmal mit kleinen Kindern an der Hand. Die Behörden haben die erlaubte Produktpalette der Feuerwerkskörper eingeschränkt, doch das Verbotene findet immer seinen Weg. In Geschäften, an Kiosken, über legale Schlupflöcher. „Die Leute bekommen, was sie wollen“, sagt ein Anwohner achselzuckend. Ein Satz, der harmlos klingt, aber in dieser Nacht einen bitteren Nachhall hat.
Besonders gefährlich sind die sogenannten Mortiers, Abschussgeräte für große Feuerwerkskörper. Sie explodieren nicht nur hübsch am Himmel, sondern manchmal dort, wo sie nie hätten explodieren dürfen. Ein Mann Anfang dreißig liegt auf dem OP-Tisch, seine Hand schwer verletzt. Zwei Finger sind buchstäblich weggesprengt, dazu mehrere Frakturen. Der Eingriff dauert eineinhalb Stunden. Präzisionsarbeit unter Hochdruck. Dimitri Giannikas, Handchirurg, spricht später ruhig, fast nüchtern darüber. Es brauche schon einen sehr kräftigen Sprengkörper, um zwei Knochen so zu zerstören. Ein medizinischer Befund, der wie eine Anklage klingt.
Kaum ist dieser Patient versorgt, folgt der nächste. Zwanzig Jahre alt, Feuerwerksunfall, der Mittelfinger der rechten Hand verloren. Ein Wort, das im Alltag banal wirkt, bekommt plötzlich existenzielles Gewicht. Dominant. Greifen, schreiben, arbeiten, leben. Der junge Mann weiß, dass die Dinger verboten sind. „Jetzt hat es mir eine Lektion erteilt“, sagt er. Ein Finger weniger. Lektionen können teuer sein.
Die Nacht zieht sich. Operation reiht sich an Operation. Die Betten bleiben belegt, neue Patienten kommen. Hände, Finger, manchmal Teile davon, die gerettet werden sollen oder nicht mehr zu retten sind. Die Ärzte arbeiten im Schichtbetrieb, die Pflegenden versuchen, Trost zu spenden. Manchmal reicht ein Satz, manchmal nur ein Blick. Jean Decock ist fünfunddreißig, Vater. Er hielt einen Böller fest, weil sein Sohn etwas in Richtung eines Autos geworfen hatte. Ein Reflex, ein Moment. „Man sagt immer im Elsass, man soll nicht mit Böllern spielen“, sagt er später. „Ich mache das seit 35 Jahren. Das war das letzte Mal.“ Ein Satz wie ein Schwur, gesprochen mit schmerzverzerrtem Gesicht.
Und dann ist da wieder Marwan. Er darf gehen. Keine Amputation. Glück im Unglück. Er wirkt ernster als noch am Abend. „Ich werde Präventionsarbeit machen“, sagt er. „Ich hätte fast drei Finger verloren.“ Die wichtigsten, fügt er hinzu. Man spürt, dass er das nicht so daher sagt. Da hat jemand begriffen, was auf dem Spiel steht.
Bis in den späten Vormittag des Neujahrstags hinein arbeiten die Teams weiter. Fünfzehn Patienten wurden in dieser Nacht aufgenommen. Vierzehn von ihnen haben mindestens eine Amputation hinter sich. Eine Zahl, die schwer im Raum steht. Sie erzählt von Schmerz, von Leichtsinn, von Traditionen, die kippen, wenn sie nicht hinterfragt werden.
Diese Nacht im Elsass wirkt wie ein Brennglas. Sie zeigt, wie schnell Feiern in Tragödien umschlagen können, wie schmal der Grat zwischen Brauchtum und Blindheit verläuft. Die Ärzte wissen das. Sie sehen es jedes Jahr. „Immer am 31. Dezember“, sagt eine Krankenschwester. Ein Datum, das für sie weniger Feuerwerk als vielmehr Verstümmelung bedeutet.
Am Ende bleibt die Hoffnung, dass die Lektionen dieses Jahres nicht verpuffen wie ein letzter Knall im Morgengrauen. Dass die Narben, die fehlenden Finger, die stillen Wartezimmer etwas bewirken. Vielleicht weniger Tradition, mehr Vernunft. Oder, um es salopp zu sagen: Man muss sich nicht jedes Jahr aufs Neue die Hand verbrennen, um zu wissen, dass Feuer heiß ist.
Von Andreas M. Brucker