Der Süden Frankreichs steht unter Wasser. Kein metaphorischer Regen, keine journalistische Übertreibung, sondern bittere Realität. Straßen verschwinden, Felder werden zu Seen, Schulen schließen ihre Tore, während das Wasser weiter steigt. Besonders hart getroffen ist das Département Aude, wo die Natur mit einer Wucht zurückkehrt, die selbst erfahrene Kommunalpolitiker ratlos macht. Auch die Pyrénées-Orientales und Corse stehen unter erhöhter Alarmstufe. Ein Winter, der nicht nur nass, sondern gnadenlos wirkt.
In der Region um Narbonne zeigt sich das Ausmaß der Lage besonders drastisch. Schulen bleiben geschlossen, weil niemand garantieren kann, dass Kinder den Schulweg sicher bewältigen. Häuser werden evakuiert, Straßen gesperrt, ganze Viertel sind nur noch per Boot oder Traktor erreichbar. Am Montagabend steigt das Wasser weiter. Still, unaufhaltsam, fast gleichgültig gegenüber menschlicher Planung.
Ein Autofahrer wird überrascht, sein Wagen bleibt im Wasser stecken. Ein Traktor zieht ihn heraus, Szene wie aus einem Katastrophenfilm, nur ohne Musik. Daneben steht ein Anwohner, schaut auf einen unscheinbaren Bach, der sich plötzlich in ein unberechenbares Monster verwandelt. Das Wasser kommuniziert, sagt er, mit dem Kanal, steigt von allen Seiten. Wie es enden wird, weiß niemand. Aber irgendwie, so klingt es, rechnet man damit. Dieses Jahr sind wir wohl dran. So sagt man das dann. Halb resigniert, halb fatalistisch.
Rund um Coursan hat sich die Landschaft vollständig verändert. Felder, die gestern noch Acker waren, liegen heute unter einer glatten Wasserfläche. Aus der Luft ist nicht einmal mehr das Flussbett der Aude zu erkennen. Der Fluss hat sich ausgebreitet, hat sich genommen, was ihm lange verwehrt blieb. Dass die Häuser bislang verschont geblieben sind, liegt an einem ausgeklügelten Entlastungssystem. Sobald der Pegel einen kritischen Punkt erreicht, fließt überschüssiges Wasser kontrolliert in die Ebene. Ein Ventil gegen die Katastrophe, kein Allheilmittel. Jede Flut, jede Crue, sagt der Bürgermeister, folgt ihren eigenen Regeln. Erfahrung schützt vor Überraschung nicht.
Der Verkehr ist praktisch zum Erliegen gekommen. Autofahren? Vergiss es. Viele Straßen stehen meterhoch unter Wasser, unscheinbare Kurven verwandeln sich in Fallen. Die Polizei patrouilliert, dreht Fahrzeuge um, warnt, mahnt, manchmal energisch. Zu viele Menschen unterschätzen die Gefahr, glauben, sie kämen schon irgendwie durch. Vierzig Straßen sind weiterhin gesperrt, hunderte Haushalte ohne Strom. Das moderne Leben, plötzlich auf Standby.
Und während man im Languedoc noch versucht, die Lage zu stabilisieren, schaut man sorgenvoll Richtung Mittelmeer. Auf Korsika prasseln seit Stunden sintflutartige Regenfälle nieder. Ein Wildbach schießt über die Fahrbahn, reißt Baumstämme mit, als wären es Streichhölzer. In der Nähe von Propriano filmt ein Mann seine Fahrt, mehr Kriechgang als Fortbewegung. Man hört das Wasser, man spürt die Anspannung. Viele Straßen werden am Abend unpassierbar. Einer der Autofahrer sagt, er habe so etwas noch nie gesehen. Wasser, das aus den Feldern drängt, mit einer Gewalt, die ihm fremd ist. Er hat davon gehört, klar. Aber live? Noch nie.
Auch die Pyrénées-Orientales geraten zunehmend unter Druck. Die Regenfälle, ohnehin schon ergiebig, sollen sich in der Nacht weiter verstärken. Wind, hohe Wellen, ein aufgewühltes Meer. Das Wasser findet keinen Abfluss, staut sich zurück, sucht sich neue Wege. Lokal drohen weitere Überflutungen. Die Behörden beobachten, messen, warnen. Viel mehr bleibt ihnen nicht.
Man spürt in diesen Tagen, wie fragil das Gleichgewicht ist. Wie dünn die Linie zwischen Alltag und Ausnahmezustand verläuft. Der Süden Frankreichs kennt Extreme, Hitze, Trockenheit, plötzliche Regenfälle. Doch wenn innerhalb weniger Stunden ganze Regionen lahmgelegt werden, wenn bewährte Schutzsysteme an ihre Grenzen stoßen, dann stellt sich leise die Frage nach dem Morgen. Nicht laut, nicht alarmistisch. Eher so, wie man abends auf steigendes Wasser schaut und denkt: Hoffentlich reicht es.
Die Menschen vor Ort reagieren pragmatisch. Sie helfen sich, organisieren Evakuierungen, sichern Häuser, dokumentieren mit dem Handy, was passiert. Ein bisschen Galgenhumor schwingt mit, dieses „ça va aller“, das man in Frankreich so gut kennt. Aber auch Müdigkeit. Und eine Ahnung davon, dass solche Winter keine einmalige Episode mehr sind.
Der Regen fällt weiter. Die Pegel steigen. Und irgendwo zwischen Aude, Korsika und den Pyrenäen wartet man darauf, dass die Natur wieder einen Gang zurückschaltet. Bis dahin gilt: Vorsicht, Geduld, Solidarität. Mehr lässt sich dem Wasser im Moment nicht entgegensetzen.
Autor: C.H.