Minus zwei Grad am Morgen. Für Berlin eine Randnotiz, für München ein Achselzucken, für Montpellier jedoch ein kleines meteorologisches Erdbeben. Die Stadt am Mittelmeer, sonst verwöhnt von milder Brise und sonnigem Nonchalance-Klima, friert. Und mit ihr ein ganzer Landstrich, der Kälte eher aus Erzählungen kennt als aus eigener Anschauung.
Der Winter hat sich festgesetzt, nicht nur mit einem nächtlichen Gruß, sondern mit einer ganzen Woche Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Auch im Département Hérault gehört das zu den Ausnahmen. Die Reaktion der Menschen fällt entsprechend aus. Mützen und Handschuhe dominieren das Straßenbild, Schals werden tiefer ins Gesicht gezogen, Gespräche beginnen mit dem gleichen Satz: Unter null, das ist hier schon fast eine Katastrophe.
Man sieht es an den Gesichtern. Erstaunen, ein wenig Stolz, ein bisschen Klage. Die Kälte trifft auf Ungeübte. Montpellier, sonst Ort des leichten Flanierens, wirkt für ein paar Tage wie eine Bühne für Improvisation. Wer morgens aus dem Haus tritt, prüft nicht den Stil seiner Kleidung, sondern die Schichtung. Vier, fünf Lagen, berichten Radfahrer, die sich mit klammen Fingern an den Lenker klammern. Hauptsache warm. Schön kommt später wieder.
Dabei bleibt der Frost vergleichsweise höflich. Keine vereisten Brunnen, kein tückisches Glatteis, keine weißen Dächer. Nur diese klare, scharfe Luft, die auf den Wangen zwickt und daran erinnert, dass Winter mehr sein kann als eine Jahreszeit im Kalender. Ein kommunaler Mitarbeiter beschreibt es pragmatisch, fast wie ein Rezept: Handschuhe, gefütterte Stiefel, dicke Hose. In der Pause ein Kaffee, danach weiter. Passt schon.
In den Geschäften zeigt sich, wie schnell sich Prioritäten verschieben. Handschuhe avancieren zum heimlichen Star der Woche. An den Kassen liegen sie wie Mangelware, ein Accessoire, das sonst gern vergessen wird. Mützen? Hat jeder. Handschuhe? Eben nicht. Eine Verkäuferin berichtet von leergefegten Regalen, von spontanen Käufen, von Kunden, die ein wenig überrascht wirken, dass so ein kleiner Kälteeinbruch den Konsum derart antreibt. Tja, so läuft das halt.
Trotzdem kapituliert die Stadt nicht. Wer gut eingepackt ist, geht hinaus. Auch mit Kindern. Eine Tagesmutter erklärt ruhig, warum frische Luft selbst bei Frost dazugehört. Solange kein Glatteis droht, solange nichts gefährlich wirkt, hilft Bewegung. Die Kleinen werden eingemummelt, die Sonne scheint, der Winter zeigt seine freundliche Seite. Kälte als pädagogische Erfahrung, könnte man sagen.
Die Terrassen allerdings spüren den Unterschied. Dort, wo sonst dicht an dicht Espresso getrunken wird, bleiben viele Stühle leer. Auf manchen Plätzen sitzen nur ein Drittel der üblichen Gäste. Und doch: Einige halten die Stellung. Gewohnheit, sagen sie. Ob kalt oder warm, die Terrasse gehört dazu. Jacke an, Mütze auf, fertig. Man spürt es kaum, behaupten sie, vielleicht ein wenig trotzig, vielleicht überzeugt.
Andere wiederum genießen gerade das Ungewöhnliche. Sonne und klirrende Kälte, dieses seltene Zusammenspiel, verleiht der Stadt einen anderen Glanz. Eine Passantin schwärmt fast poetisch von der Klarheit des Lichts, von der Schönheit des Moments. Solche Tage bleiben im Gedächtnis, gerade weil sie selten sind. Der Süden friert, aber er tut es mit Stil.
Und dann ist da diese leise Gewissheit: Es dauert nicht lange. In Montpellier hält sich der Frost nie ewig. Schon am Nachmittag steigen die Temperaturen wieder, acht Grad werden auf der Place de la Comédie erwartet. Für Einheimische fühlt sich das fast schon nach Frühling an. Die Handschuhe verschwinden bald wieder in den Schubladen, die Mützen werden zum modischen Detail statt zur Notwendigkeit.
Der kurze Winterbesuch hinterlässt dennoch Spuren. Gespräche, Anekdoten, das gemeinsame Erleben einer kleinen Ausnahme. Vielleicht auch ein neues Bewusstsein dafür, dass selbst der Süden nicht immun gegen die Launen der Jahreszeiten ist. Montpellier hat gezittert, ja. Aber auch gelächelt. Und morgen? Morgen scheint wieder die Sonne, wie fast immer.
Von Andreas M. Bruccker