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Alle Artikel · 15.12.2025 09:26

Wenn die Schule brennt – ein Brandanschlag erschüttert Dijon und trifft das Herz der Republik

In der Nacht von Freitag auf Samstag stand das Collège Champollion im Dijoner Stadtteil Grésilles in Flammen. Nicht irgendein Gebäude, sondern eine Schule. Ein Ort, der sonst nach Pausenbrot, Kreidestaub und Zukunft riecht. Jetzt...

In der Nacht von Freitag auf Samstag stand das Collège Champollion im Dijoner Stadtteil Grésilles in Flammen. Nicht irgendein Gebäude, sondern eine Schule. Ein Ort, der sonst nach Pausenbrot, Kreidestaub und Zukunft riecht. Jetzt roch es nach Rauch, geschmolzenem Plastik und verbranntem Holz. Die Präfektur spricht von einem „kriminellen“ Brand. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Brandstiftung. Und Frankreich blickt einmal mehr in einen Abgrund, den es nur allzu gut kennt.

Was sich in dieser Nacht abspielte, klingt weniger nach spontaner Zerstörungswut als nach gezielter Aktion. Vier Täter, so schildert es der Präfekt der Côte-d’Or, Paul Mourier, vier Brandherde, klare Absicht. Ein Kommando, sagt er, und benutzt damit ein Wort, das man sonst eher aus militärischen Kontexten kennt. Zwei Kanister, ein Handschuh, vier Personen auf der Flucht. Drei Etagen des Schulgebäudes sind von Rauch geschwärzt, Klassenzimmer unbenutzbar, die Infrastruktur schwer beschädigt.

Der Ton der Behörden ist entsprechend hart. Mourier spricht offen aus, was in Frankreich längst als Erklärungsmuster etabliert ist: Drogenhändler, so seine Überzeugung, griffen gezielt Symbole der Republik an. Schulen, Rathäuser, Bibliotheken. Orte, die für Bildung, Ordnung, Öffentlichkeit stehen. Wer sie zerstört, will mehr als Sachschaden anrichten. Er will ein Zeichen setzen.

Das Collège Champollion liegt im Quartier Grésilles, einem sogenannten „quartier sensible“, einem sozialen Brennpunkt mit hoher Arbeitslosigkeit, prekärer Wohnsituation und seit Jahren bekannten Problemen mit Drogenhandel. Für Außenstehende ist das schnell erzählt, fast schon routiniert. Doch für die Menschen vor Ort ist es Alltag. Einer, der immer brüchiger wird.

Die Schule bleibt geschlossen. Nicht für Tage, nicht für Wochen, sondern für Monate. Vielleicht für fast ein Jahr. Der Präsident des Départements Côte-d’Or, François Sauvadet, spricht von einer möglichen Wiedereröffnung im September 2026. Die naturwissenschaftlichen Räume sind zerstört, die Computerräume ebenfalls. Unterricht im Provisorium? Keine Chance. Also müssen die Schülerinnen und Schüler verteilt werden. Vier andere Collèges in Dijon sollen sie aufnehmen. Eine logistische Mammutaufgabe, organisiert, während Eltern versuchen, ihren Kindern zu erklären, warum ihre Schule plötzlich nicht mehr existiert.

Man hört in diesen Tagen viele starke Worte. „Acte inqualifiable“, unqualifizierbare Tat, sagt Sauvadet. Er fordert harte Strafen. Der Bildungsminister kündigt einen Besuch an, eine Krisenzelle wird eingerichtet. Die politische Choreografie ist bekannt. Und doch bleibt etwas hängen. Ein schales Gefühl.

Denn Champollion ist kein unbeschriebenes Blatt. Schon im Juni war die Schule Ziel von Sachbeschädigungen, Mörserfeuer, wie man in Frankreich sagt. Zwei Monate zuvor, im März, brannte im selben Viertel die Mediathek Champollion. Auch sie lag nahe an einem bekannten Drogenumschlagplatz. Zufälle gibt es selten, Muster hingegen häufig.

Was bedeutet es, wenn Schulen brennen? Es bedeutet, dass ein Raum angegriffen wird, der eigentlich Schutz bieten soll. Ein Raum, in dem Kinder lernen, diskutieren, sich ausprobieren. In Vierteln wie Grésilles sind Schulen oft mehr als Bildungseinrichtungen. Sie sind Anker. Treffpunkt. Hoffnungsträger. Wenn sie zerstört werden, bleibt ein Vakuum.

Ein Lehrer aus der Region, der anonym bleiben möchte, formulierte es einmal so: „Wenn eine Schule schließt, öffnet irgendwo ein Geschäft für Illusionen.“ Gemeint sind schnelle Geldversprechen, falsche Loyalitäten, der Sog der Straße. Wer mit 13 oder 14 den Eindruck gewinnt, dass der Staat sich zurückzieht, hört auf, an dessen Versprechen zu glauben. Das ist keine Entschuldigung für Gewalt. Aber ein Erklärungsansatz.

Frankreich ringt seit Jahren mit der Frage, wie es diese Viertel zurückholen kann. Polizeipräsenz allein reicht nicht. Sozialprogramme versanden, wenn sie nicht langfristig angelegt sind. Und jedes brennende Gebäude wirkt wie ein weiteres Kapitel in einer Geschichte, die niemand mehr lesen will, weil das Ende immer gleich scheint.

Natürlich ermittelt nun die Justiz. Spuren werden gesichert, Kameras ausgewertet, Verdächtige gesucht. Vielleicht werden Täter gefasst, vielleicht auch nicht. Selbst wenn: Der Schaden ist bereits da. Materiell, ja. Aber vor allem symbolisch.

In Dijon stehen Eltern vor verkohlten Mauern und versuchen, ruhig zu bleiben. Kinder fragen, ob sie etwas falsch gemacht haben. Nein, haben sie nicht. Aber sie zahlen den Preis. Wieder einmal.

Man könnte jetzt pathetisch werden und von der Republik sprechen, die angegriffen wurde. Das tun andere bereits. Vielleicht reicht ein nüchternerer Blick. Eine Schule ist abgebrannt. In einem Viertel, das ohnehin zu kämpfen hat. Und statt eines sicheren Ortes gibt es nun Baustellen, Umzüge, Unsicherheit. Kein Drama in fünf Akten, sondern ein leiser, zäher Verlust.

Frankreich kennt solche Nächte. Und doch hofft man jedes Mal, es möge die letzte gewesen sein. Spoiler: war sie nie.

Autor: C.H.

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