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Wenn ein Spiel zur Anklage wird

Wie Marseilles Anwälte mit einem fiktiven Brettspiel auf die Krise der Familiengerichtsbarkeit aufmerksam machen Am 13. Januar 2026 präsentierte der Anwaltsverband von Marseille eine ungewöhnliche Protestaktion: ein erfundenes Gesellschaftsspiel mit dem schlichten Titel Divorce. Die Spielschachtel erinnert an ein klassisches Brettspiel für die ganze Familie – doch was sich darin verbirgt, ist ein ebenso ironisches…

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Wie Marseilles Anwälte mit einem fiktiven Brettspiel auf die Krise der Familiengerichtsbarkeit aufmerksam machen

Am 13. Januar 2026 präsentierte der Anwaltsverband von Marseille eine ungewöhnliche Protestaktion: ein erfundenes Gesellschaftsspiel mit dem schlichten Titel Divorce. Die Spielschachtel erinnert an ein klassisches Brettspiel für die ganze Familie – doch was sich darin verbirgt, ist ein ebenso ironisches wie bitteres Abbild der Realität. In grellen Farben und mit zugespitzten Kartenmotiven macht das Spiel auf die massiven strukturellen Defizite im französischen Justizwesen aufmerksam – insbesondere im Bereich der Familiengerichtsbarkeit. Mit dieser Aktion schlägt die Anwaltschaft Alarm: Die Dauer familienrechtlicher Verfahren hat vielerorts ein Maß erreicht, das für Betroffene zur psychischen, sozialen und wirtschaftlichen Belastung wird.

Ein Spiel mit Ernstcharakter

Divorce ist keine käufliche Ware, sondern eine medienwirksame Parodie. Karten wie „Verlegte Anhörung“, „Schlaflose Nacht“ oder „Sorgerechtsstreit“ karikieren die gängige Praxis in vielen französischen Gerichten – und führen damit vor Augen, was für die Beteiligten längst zur Normalität geworden ist: monatelanges Warten, emotionale Dauerbelastung, Rechtsunsicherheit. Auf der Rückseite der Verpackung verspricht das Spiel zynisch „mehr als 2.500 Stunden Stress, Tränen und Verzweiflung“. Es ist eine prägnante Bildsprache, die die Realität vieler Trennungsfamilien auf den Punkt bringt.

Die Präsidentin des Barreau von Marseille machte bei der Vorstellung des Spiels deutlich, worum es geht: In den Bouches-du-Rhône könne es bis zu zwölf Monate dauern, bis eine erste Anhörung vor dem Familiengericht stattfinde. Noch gravierender sei die Wartezeit zwischen zwei Gerichtsterminen – auch sie betrage mitunter ein ganzes Jahr. Für Paare in Trennung und insbesondere für Familien mit Kindern sei das nicht nur eine juristische Zumutung, sondern eine existentielle Belastung.

Familien in der Warteschleife

Was wie ein Verwaltungsproblem erscheint, hat reale soziale Folgen. Wenn gerichtliche Entscheidungen über Unterhaltsfragen, Sorgerecht oder Wohnsituation auf sich warten lassen, geraten viele Familien in eine belastende Grauzone. Emotionale Konflikte eskalieren, finanzielle Notlagen verschärfen sich, und Kinder erleben instabile Lebensumstände ohne klare Perspektive. Anwältinnen und Anwälte berichten zunehmend von Fällen, in denen Verfahren über Jahre hinweg nicht abgeschlossen werden – mit erheblichen psychischen und sozialen Folgeerscheinungen.

Die strukturelle Überlastung ist dabei kein rein lokales Phänomen. Die Familiengerichtsbarkeit in Marseille steht exemplarisch für ein nationales Problem. In vielen Regionen klagen Juristinnen und Justizangestellte über zu wenige Richterstellen, eine mangelhafte personelle Ausstattung und eine chronisch unterfinanzierte Justizinfrastruktur. In Marseille etwa stehen gerade einmal acht Familienrichter Tausenden von Fällen pro Jahr gegenüber – eine Schieflage, die sich in immer längeren Bearbeitungszeiten niederschlägt.

Symbolpolitik oder politische Intervention?

Mit der Kampagne will das Barreau weit über den juristischen Kreis hinaus wirken. Ein Kurzfilm, der auf sozialen Medien verbreitet wird, zeigt eine Familie, die das Spiel scheinbar fröhlich spielt – bis der Inhalt der Karten sichtbar wird. Die Botschaft: Was wie Alltag aussieht, ist in Wahrheit ein Systemversagen. Doch so eindrücklich die Aktion auch ist, sie wirft auch Fragen auf: Genügt symbolische Kritik, um politische Wirkung zu entfalten?

Bisher jedenfalls ist die Resonanz aus der Politik verhalten. Trotz wiederholter Schreiben an die Regierung – darunter an den Justizminister und den Élysée-Palast – blieben konkrete Reaktionen aus. Das lässt tief blicken: Die Justiz, insbesondere die sogenannte „Justiz des Alltags“, scheint im politischen Betrieb nach wie vor ein Randthema zu sein. Reformansätze, etwa zur Entlastung der Familiengerichte oder zur Digitalisierung von Verfahren, existieren seit Jahren – doch der politische Wille zur Priorisierung fehlt offenbar.

Ein regionaler Hilferuf mit nationaler Bedeutung

Die Initiative aus Marseille trifft einen Nerv – nicht nur juristisch, sondern gesellschaftlich. In einem Land, das sich wiederholt zur „Gleichheit vor dem Gesetz“ bekennt, wird das Auseinanderklaffen von Rechtsanspruch und Realität zunehmend zum Problem der Glaubwürdigkeit. Wer in zentralen Lebensfragen wie Trennung, Kindeswohl oder Unterhalt monatelang auf rechtliche Klärung warten muss, verliert nicht nur Vertrauen in die Institutionen – er erlebt den Rechtsstaat als abstrakt, fern und überfordert.

Im Kontext der bevorstehenden Kommunalwahlen und wachsender Unzufriedenheit mit staatlicher Daseinsvorsorge könnte Divorce somit mehr sein als eine kreative Protestaktion. Es ist ein Aufschrei jener Berufsgruppe, die täglich mit den Folgen einer überlasteten Justiz konfrontiert ist – und die nun nicht länger schweigt.

Autor: C. Hatty

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