Es gibt Städte, die zur Weihnachtszeit einfach nur leuchten. Und es gibt Städte, die leuchten und dabei wetteifern. In Arras und Metz gehört die Vorweihnachtszeit längst nicht mehr allein dem Glühwein, den Lichterketten und der leisen Hintergrundmusik. Dort ist Weihnachten auch ein Wettbewerb – mit Jury, Punktesystem und ehrgeizigen Teilnehmern. Was auf den ersten Blick verspielt wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ernst gemeinte Strategie gegen verödende Innenstädte.
In Arras, dieser nordfranzösischen Stadt mit ihren berühmten Plätzen und Fassaden, beginnt der Rundgang der Jury wie ein Spaziergang durch ein lebendiges Bilderbuch. 91 Geschäfte treten gegeneinander an. Die Kriterien sind klar umrissen, aber anspruchsvoll: gestalterische Qualität, Originalität, Gesamteindruck. Nichts bleibt dem prüfenden Blick verborgen. Stéphanie Lefebvre, Anwohnerin und Jurymitglied, formuliert es nüchtern und zugleich begeistert. Die Dekoration sei durchdacht, ungewöhnlich, bis ins Detail ausgearbeitet. Zehn von zehn Punkten. Mehr Lob geht kaum.
Für manche Händler ist dieser Wettbewerb ein Debüt. Amélie Coppens etwa, Betreiberin des Cafés Appia, nimmt zum ersten Mal teil – und investiert kräftig. Rund 2.000 Euro fließen in Lichter, Figuren und bewegte Elemente. Für ein junges Café ist das kein Pappenstiel. Aber Coppens rechnet. Ein Schaufenster sei mehr als Schmuck, sagt sie sinngemäß. Es sei Einladung, Versprechen, manchmal auch Verführung. Wer stehen bleibt, tritt ein. Vielleicht zum Brunch, vielleicht auf einen Kaffee. Und wenn nicht heute, dann morgen. So entsteht Bindung, ganz leise, aber nachhaltig.
Man spürt in Arras diese Mischung aus Ehrgeiz und Gemeinschaftsgefühl. Konkurrenz ja, aber keine Ellbogenmentalität. Stéphane Joyez, Röster bei Maison Vayez, gehört zu den Favoriten. Im vergangenen Jahr belegte er Platz zwei, diesmal setzt er auf eine nordische Winterwelt. Ein riesiger beleuchteter Weihnachtsbaum thront über seinem Geschäft. Die Kundschaft ist sich sicher: Das Ding gewinnt. Joyez selbst bleibt gelassen. Der eigentliche Wert des Wettbewerbs, sagt er, liege nicht im Preisgeld von 1.000 Euro. Entscheidend sei die Bewegung in der Stadt. Menschen sollen nicht nur über die bekannten Plätze flanieren, sondern auch Seitenstraßen entdecken, kleine Läden, unbekannte Namen. Innenstadt als Erlebnisraum, nicht als Durchgangsstation.
Ein ähnliches Bild zeigt sich in Metz, wo der Wettbewerb bereits zum vierten Mal stattfindet. Und dort lässt sich beobachten, was Kommunalpolitiker gern als „positive Effekte“ bezeichnen, was hier aber sehr konkret wird. Mehr Dekorationen, mehr Staunen, mehr Gespräche. Passanten bleiben stehen, vergleichen, fotografieren. Die Stadt wirkt dichter, lebendiger. Eine Besucherin bemerkt, dass es jedes Jahr ein bisschen schöner werde. Eine andere sagt, je hübscher es sei, desto mehr spreche man darüber – und desto mehr Menschen kämen. Mundpropaganda im Lichterglanz.
Für die Händler zahlt sich der Aufwand spürbar aus. Jacques Heitzmann, Metzgermeister, gewann im vergangenen Jahr mit einem überdimensionalen, nachts leuchtenden Weihnachtsknoten. Stolz klingt noch immer durch, wenn er davon erzählt. Der Preis bestand nicht nur aus Anerkennung. In diesem Jahr stellt ihm die Stadt einen eigenen Chalet auf dem Weihnachtsmarkt zur Verfügung. Für einen Handwerksbetrieb im Dezember, dem umsatzstärksten Monat, ist das ein Geschenk mit Gewicht. Zusätzlicher Umsatz, neue Kundschaft, Sichtbarkeit. Heitzmann spricht von einem echten Gewinn – für alle Beteiligten. Stadt, Händler, Markt, Publikum. Ein seltenes Wort fällt mehrfach: Gewinner.
Natürlich stellt sich die Frage, ob solche Wettbewerbe mehr sind als hübsche Kulisse. Die Antwort fällt differenziert aus. Gegen Onlinehandel, steigende Mieten und verändertes Konsumverhalten helfen keine Lichterketten allein. Aber sie können Atmosphäre schaffen. Und Atmosphäre beeinflusst Verhalten. Wer sich wohlfühlt, bleibt länger. Wer länger bleibt, konsumiert eher. So simpel, so altmodisch – und doch hochaktuell.
In Arras und Metz scheint man das verstanden zu haben. Der Wettbewerb ist kein Selbstzweck, sondern Teil eines größeren urbanen Erzählens. Die Stadt präsentiert sich als Bühne, die Händler als Akteure, die Passanten als Mitspieler. Weihnachten liefert dafür den emotionalen Rahmen. Nostalgie trifft auf Wirtschaftsförderung, Romantik auf Kalkül. Das mag widersprüchlich klingen, funktioniert aber erstaunlich gut.
Am Ende bleibt die Spannung. Wer gewinnt? Die Entscheidung fällt erst Ende Januar. Doch vielleicht ist das gar nicht die wichtigste Frage. Entscheidend ist, dass sich Menschen wieder treiben lassen, ohne Eile, ohne Ziel. Dass sie stehen bleiben vor einem Schaufenster und für einen Moment vergessen, dass draußen Krisen und Bildschirme warten. Wenn das gelingt, dann haben diese Wettbewerbe bereits ihren Zweck erfüllt.
Oder, um es salopp zu sagen: Wenn die Läden glänzen, glänzt auch die Stadt.
Von C. Hatty