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Wenn Verse Wurzeln schlagen – Poesie auf dem Ackerland der Sarthe

In der ländlichen Stille der Sarthe passiert etwas Unerwartetes. Zwischen alten Apfelbäumen, Gemüsebeeten und Hühnerställen blüht etwas auf, das man dort nicht zwingend vermuten würde: Poesie. Nicht im übertragenen Sinn – nein, ganz real, schwarz auf weiß, gedruckt, gelesen, rezitiert. Menschen verschiedenster Herkunft, vom Landwirt bis zur Künstlerin, vom Friseur bis zum Rentner, finden sich…

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In der ländlichen Stille der Sarthe passiert etwas Unerwartetes. Zwischen alten Apfelbäumen, Gemüsebeeten und Hühnerställen blüht etwas auf, das man dort nicht zwingend vermuten würde: Poesie. Nicht im übertragenen Sinn – nein, ganz real, schwarz auf weiß, gedruckt, gelesen, rezitiert. Menschen verschiedenster Herkunft, vom Landwirt bis zur Künstlerin, vom Friseur bis zum Rentner, finden sich zusammen, um in Versen das Leben zu feiern. Ein poetisches Netzwerk, getragen von einer kleinen, ungewöhnlichen Verlagsidee – und einer großen Portion Herzblut.

Mitten im Garten: eine alte Wohnwagenkarawane. Kein Campingplatz, kein Zirkus – sondern das „Büro“ von Lydie und Bernard Victor Chartier. Ein Ort der Stille, der Kreativität und, ja, auch des Staunens. Denn genau das ist es, was Poesie für die beiden bedeutet: ein Zurückfinden zum kindlichen Blick auf die Welt, zum Erstaunen über das Alltägliche. „Das ist der Zauber der Poesie – sie lässt uns wieder sehen wie Kinder“, sagt Lydie. Gemeinsam haben sie ihre eigene kleine Literaturinsel geschaffen: „La Plume de Léonie“, einen Verlag, der sich der Lyrik verschrieben hat – abseits vom Literaturbetrieb, dafür mitten im echten Leben.

Innerhalb von nur vier Jahren sind dort sechzehn Bücher entstanden. Keine Bestseller vielleicht, aber Herzenswerke. Verfasst von Menschen aus der Region, die sich das Schreiben zutrauen – oder es sich endlich trauen. An erster Stelle natürlich Bernard Victor selbst. Der zieht sich am liebsten in eine winzige Holzhütte zwischen den Bäumen zurück, wo sogar die Vögel mit ihm wohnen. „Ich teile diese Hütte mit einem Meisenpaar. Die kommen jedes Jahr wieder. Ich schreibe sie in fast jedes Gedicht hinein“, sagt er – und man glaubt ihm sofort, dass Poesie für ihn kein Hobby ist, sondern eine Haltung. Eine Art, die Welt zu atmen.

„Die Uhr verliert ihre Arroganz, wie an jedem neuen Morgen. Neben meiner Eremitenhütte picken die Meisen an meinem Staunen“ – so klingt es, wenn Bernard Victor über das Leben schreibt. Einfach. Schön. Berührend.

Und er ist nicht allein.

Gabriel Pottier, 43 Jahre, Landwirt und Saatguthersteller, ist einer der Autoren, die aus diesem poetischen Mikrokosmos hervorgegangen sind. Sein Bezug zur Lyrik? Ein engagierter Lehrer, der einst mit Inbrunst Hugo und Rimbaud rezitieren ließ. Gabriel erinnert sich: „Das hat bei mir was angezündet.“ Heute schreibt er selbst – ganze Gedichtbände. Und das als Mann vom Acker? Warum nicht. „Ein Bauer bleibt meist auf seinem Fleck und reist selten. Aber mit Poesie kann man überallhin reisen.“

Poesie als Fernreise für die Seele – schöner kann man es kaum sagen.

Auch René Saint-Léonard hat das Schreiben nie losgelassen. Über achtzig Jahre alt, malt er nicht nur – über tausend Gemälde hat er geschaffen –, sondern schreibt auch: hundert Texte, die sein Leben spiegeln. Und dabei, sagt er, hilft ihm die Poesie, mit den Härten der Welt umzugehen. „Sie heilt Wunden“, sagt er leise.

Was diese Menschen verbindet, ist mehr als das Schreiben. Es ist eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig inspiriert, unterstützt, begleitet. In regelmäßigen Treffen lesen sie sich ihre Werke vor, sprechen über Themen, Form, Gefühl. Bald erscheint ein Gemeinschaftswerk – ein Sammelband, in dem viele der Beteiligten zum ersten Mal veröffentlicht werden. Einer von ihnen ist Gérald Bernard. Für ihn ist der Schritt in die Öffentlichkeit ein großer: „Wenn man sich in einem Gedicht öffnet, legt man seine Seele auf den Tisch. Aber wenn man das einmal gemacht hat, ist alles andere plötzlich leicht.“

Und das Echo? Positiv. Auch in der Region selbst. Die Bücher von „La Plume de Léonie“ liegen in lokalen Geschäften aus, werden dort verkauft, gelesen, weiterempfohlen. Selbst die Händler – sonst nicht als Lyrikliebhaber bekannt – lassen sich anstecken vom poetischen Geist.

So wird die Poesie in der Sarthe nicht nur geschrieben, sondern gelebt. Sie wächst zwischen Salatbeeten und Scheunen, wandert durch Dörfer, füllt Wohnzimmer und Scheunenkonzerte. Vielleicht ist das ihre größte Stärke: Sie braucht keine Bühne, keine Preise, keine akademische Weihe. Sie braucht nur Menschen, die bereit sind, hinzuschauen – und zu fühlen.

Denn was ist die Welt ohne Staunen? Ohne Worte, die das Unsagbare sagen?

Genau.

Autor: Andreas M. Brucker

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