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Editorial

Wenn Worte Hemmungen senken: Wie politische Sprache rassistische Gewalt begünstigen kann

Editorial | 27. Oktober 2026 Worte töten nicht. Doch sie können dazu beitragen, dass die Hemmschwelle zur Gewalt sinkt. Nach dem rassistisch motivierten Anschlag von Trappes steht Frankreich vor einer unbequemen Frage: Welche Verantwortung tragen Politiker, wenn ihre Rhetorik Feindbilder verstärkt und Ausgrenzung gesellschaftsfähig macht? Die Forschung zeigt, dass zwischen öffentlicher Sprache und tatsächlichen Übergriffen…

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Editorial | 27. Oktober 2026

Worte töten nicht. Doch sie können dazu beitragen, dass die Hemmschwelle zur Gewalt sinkt. Nach dem rassistisch motivierten Anschlag von Trappes steht Frankreich vor einer unbequemen Frage: Welche Verantwortung tragen Politiker, wenn ihre Rhetorik Feindbilder verstärkt und Ausgrenzung gesellschaftsfähig macht? Die Forschung zeigt, dass zwischen öffentlicher Sprache und tatsächlichen Übergriffen Zusammenhänge bestehen. Daraus folgt allerdings kein Freibrief für vorschnelle Schuldzuweisungen.

Die Macht des gesellschaftlich Erlaubten

Politische Sprache verändert nicht zwangsläufig Überzeugungen. Häufig verändert sie zunächst, welche Überzeugungen Menschen öffentlich zu vertreten wagen. Darin liegt ihre besondere Wirkung.

Eine amerikanische Untersuchung aus dem Jahr 2020 zeigte, dass die wahrgenommene Popularität Donald Trumps die Bereitschaft erhöhte, eine einwanderungsfeindliche Organisation öffentlich zu unterstützen. Unter anonymen Bedingungen blieb dieser Effekt aus. Nicht unbedingt die persönliche Einstellung hatte sich verändert, sondern die Einschätzung dessen, was gesellschaftlich akzeptiert wird.

Für demokratische Gesellschaften ist dieser Mechanismus bedeutsam. Wenn führende Politiker ganze Bevölkerungsgruppen pauschal als Bedrohung darstellen, können sie bestehenden Ressentiments zusätzliche Legitimität verleihen. Was zuvor als anstössig galt, erscheint plötzlich als vertretbare Meinung.

Die Grenze zwischen zugespitzter Kritik und gruppenbezogener Herabsetzung ist deshalb keine sprachliche Nebensache. Sie entscheidet mit darüber, ob politische Auseinandersetzung Probleme beschreibt oder Menschen aufgrund ihrer Identität zu Problemen erklärt.

Wenn digitale Feindbilder reale Folgen haben

Dass feindselige Kommunikation über die öffentliche Meinungsbildung hinauswirken kann, zeigen Untersuchungen aus Deutschland und den Vereinigten Staaten.

Die Ökonomen Karsten Müller und Carlo Schwarz stellten einen Zusammenhang zwischen flüchtlingsfeindlichen Facebook-Inhalten und Straftaten gegen Geflüchtete fest. Besonders aufschlussreich waren zeitweilige Internetausfälle, bei denen der untersuchte Zusammenhang verschwand. Eine weitere Untersuchung ergab, dass antimuslimische Hasskriminalität in amerikanischen Regionen mit intensiver Twitter-Nutzung nach Trumps politischen Mobilisierungserfolgen stärker zunahm.

Solche Befunde sind ernst zu nehmen. Sie beweisen jedoch nicht, dass eine bestimmte Rede einen bestimmten Täter zur Gewalt veranlasst hat. Zwischen politischem Signal, individueller Radikalisierung und strafbarer Handlung liegen unterschiedliche Einflussfaktoren.

Wer diese Unterschiede verwischt, ersetzt wissenschaftliche Erkenntnis durch politische Anklage. Wer die Zusammenhänge grundsätzlich bestreitet, ignoriert hingegen empirische Hinweise auf gesellschaftliche Risiken.

Frankreich zwischen Polarisierung und Toleranz

Der Anschlag von Trappes verschärft eine Debatte, die Frankreich seit Jahren beschäftigt. Präsident Emmanuel Macron bezeichnete die Tat als rassistischen Terroranschlag und warnte vor einem gesellschaftlichen Klima, das solche Gewalt begünstigen könne. Zugleich vermied er eine unmittelbare parteipolitische Schuldzuweisung.

Diese Zurückhaltung ist notwendig. Die französischen Behörden registrierten 2025 mehr als 16 400 rassistische, fremdenfeindliche oder religionsfeindliche Verstösse. Die grosse Mehrheit betraf allerdings Beleidigungen, Aufstachelungen und Verleumdungen, nicht körperliche Angriffe.

Zugleich erreichte der langfristige Toleranzindex der französischen Menschenrechtskommission 2025 einen vergleichsweise hohen Wert. Frankreich ist also weder eine geschlossen intolerante Gesellschaft noch gegen rassistische Radikalisierung gefeit.

Gerade diese Gleichzeitigkeit verlangt Differenzierung statt politischer Dramatisierung.

Verantwortung ohne Vorverurteilung

Wie gefährlich voreilige politische Schlussfolgerungen sind, zeigte sich bereits bei den Ermittlungen. Die französische Antiterrorstaatsanwaltschaft dementierte am 26. Oktober Berichte, wonach im Fahrzeug des Verdächtigen Flugblätter einer politischen Partei gefunden worden seien. Der rassistische Tatverdacht blieb davon unberührt.

Gerade in einer aufgeheizten Atmosphäre ist diese Unterscheidung entscheidend. Wer politische Gegner ohne Belege mit einem Mordanschlag in Verbindung bringt, beschädigt jene Glaubwürdigkeit, die im Kampf gegen Extremismus unverzichtbar ist.

Eine Demokratie muss über Migration, Integration, Kriminalität und religiösen Extremismus streiten dürfen. Auch scharf. Doch es besteht ein fundamentaler Unterschied zwischen der Kritik an politischen Entscheidungen und der pauschalen Herabwürdigung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Religion.

Die Verantwortung für eine Gewalttat liegt beim Täter. Die Verantwortung für die politische Sprache liegt bei denen, die sie verwenden. Beides darf nicht gleichgesetzt, aber ebenso wenig gegeneinander ausgespielt werden.

Politiker müssen nicht für jede denkbare Interpretation ihrer Worte haften. Sie müssen sich jedoch daran messen lassen, ob sie gesellschaftliche Konflikte erklären oder Ressentiments bewusst verstärken.

Die Lehre aus Trappes besteht deshalb nicht darin, den demokratischen Streit zu entschärfen. Sie besteht darin, ihn präziser zu führen. Denn eine freie Gesellschaft lebt von der Möglichkeit, hart über politische Fragen zu streiten, ohne die Gleichwertigkeit ihrer Bürger infrage zu stellen.

Von Andreas Brucker

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