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Wenn YouTube zur Bühne für Ghetto-Glamour wird: Der Fall Nîmes und ein deutscher Influencer

Ein Viertel, das kämpft – ein YouTuber, der provoziert. Die französische Stadt Nîmes steht Kopf, seit der deutsche Influencer „LuckyLuke030“ ein Video veröffentlicht hat, das wie eine düstere Stadtrundfahrt durch die Schattenseiten des Alltags im Stadtteil Mas de Mingue wirkt. Doch was diese sogenannte „Ghetto Tour“ zeigt, ist nicht bloß raues Milieu – sondern eine…

Nimes, Ghetto-Tour / Screenshot X

Ein Viertel, das kämpft – ein YouTuber, der provoziert. Die französische Stadt Nîmes steht Kopf, seit der deutsche Influencer „LuckyLuke030“ ein Video veröffentlicht hat, das wie eine düstere Stadtrundfahrt durch die Schattenseiten des Alltags im Stadtteil Mas de Mingue wirkt. Doch was diese sogenannte „Ghetto Tour“ zeigt, ist nicht bloß raues Milieu – sondern eine gefährliche Verherrlichung von Kriminalität.

https://twitter.com/BFMTV/status/1922962839708279188

Ein Trip ins Unbehagen

Das Video, rund 26 Minuten lang, nimmt Zuschauer mit auf eine Reise durch die engen Straßen und Hinterhöfe von Mas de Mingue. Vermummte Jugendliche zeigen Drogen, posieren mit Schusswaffen und liefern sich illegale Motorradrennen. Alles gefilmt mit einem Hauch von Abenteuerlust – als sei das alles ein urbaner Freizeitpark, in dem Gesetzlosigkeit zur Attraktion wird.

Doch wer glaubt, das sei nur ein harmloser Ausflug in die „Realität“, liegt gewaltig daneben.

https://twitter.com/PremiereEdition/status/1922866994279227653

Empörung auf allen Ebenen

Kaum war das Video online, platzte in Nîmes die politische Bombe. Der Bürgermeister bezeichnete den Clip als gezielte Provokation – eine „Kommunikationsaktion“, die nichts weiter tue, als Gewalt zu verharmlosen und das Bild eines Viertels zu verzerren, das eigentlich auf dem Weg der Erneuerung ist.

Und tatsächlich: Mas de Mingue zählt zu den sogenannten „prioritären Quartieren“ Frankreichs – Stadtteile mit hohem sozialen Bedarf, aber auch mit viel Potenzial. Hier fließen Fördermittel, Projekte werden angestoßen, Wohnräume renoviert. Doch was bleibt von all dem übrig, wenn ein Influencer das Viertel mit einem Stempel aus Kriminalität und Chaos versieht?

https://twitter.com/BFMTV/status/1922957406415270041

Polizei unter Druck

Die Polizei von Nîmes reagierte sofort – mit klaren Worten. Der zuständige Polizeigewerkschaftssprecher zeigte sich empört über die Verherrlichung illegaler Aktivitäten. Das Video, so der Tenor, sei eine Verhöhnung aller, die unter den echten Problemen im Viertel leiden. Denn wer täglich gegen Drogenhandel und Jugendkriminalität kämpft, braucht keine Clips, die genau das feiern.

Dazu kommt: Die Behörden stehen nicht untätig da. Allein im ersten Quartal 2025 wurden im Mas de Mingue mehrere Dutzend Festnahmen und große Drogenfunde verzeichnet. Polizeikräfte sind dort regelmäßig im Einsatz – oft unter hohem persönlichen Risiko.

https://twitter.com/BrefLe57/status/1923376764148949000

Zwischen Influencer-Kult und Verantwortung

Man fragt sich: Was treibt jemanden dazu, solche Videos zu drehen? Ist es Neugier? Sensationslust? Oder einfach der Drang nach Klicks und Reichweite? LuckyLuke030 inszeniert sich gern als eine Art Street-Dokumentarfilmer – doch seine Darstellungen sind weit entfernt von journalistischer Aufklärung.

Stattdessen schüren sie ein Image, das mit der Lebensrealität vieler Anwohner wenig zu tun hat. Für Familien, die in Mas de Mingue leben, arbeiten und hoffen, ist das kein Spektakel. Es ist ihr Alltag – und der ist oft kompliziert genug, ohne mediale Zerrbilder.

Video gesperrt – Debatte bleibt

Zwar wurde die umstrittene Aufnahme inzwischen auf „privat“ gesetzt und ist nicht mehr öffentlich abrufbar, doch die Diskussion ist in vollem Gange. Es geht um mehr als ein einzelnes Video. Es geht um die Frage: Welche Verantwortung tragen Influencer, wenn sie Inhalte produzieren, die reale Probleme für Klicks ausnutzen?

Und auch die Rolle der Plattformen steht erneut zur Debatte. Wie viel Kontrolle übt YouTube tatsächlich aus? Werden problematische Inhalte konsequent entfernt – oder erst dann, wenn der öffentliche Druck steigt?

Der lange Weg zur Veränderung

Mas de Mingue steht exemplarisch für viele Viertel in Frankreich – geprägt von Arbeitslosigkeit, sozialem Gefälle, aber auch von Engagement und Lebensfreude. Es ist ein Stadtteil im Umbruch, mit Initiativen für Bildung, Kultur und bessere Perspektiven.

Doch jedes Bild, das Kriminalität glamourös darstellt, wirft einen langen Schatten auf diese Fortschritte. Die Menschen vor Ort verdienen mehr als bloße Schlagzeilen – sie verdienen eine faire Chance.

Die falsche Romantisierung

Wenn Kriminalität zur Kulisse wird, wenn echte Probleme wie Drogen und Waffen zu Requisiten für YouTube-Clips verkommen – dann verlieren wir den Bezug zur Wirklichkeit. Dann lachen manche über das, worunter andere jeden Tag leiden. Wollen wir wirklich so weitermachen?

Vielleicht liegt die Lösung nicht in mehr Empörung, sondern in mehr Dialog. In mehr echten Geschichten aus diesen Vierteln – erzählt von den Menschen, die dort leben. Nicht von außen, nicht als Spektakel, sondern mit Würde und Tiefe.

Denn letztlich ist die Frage nicht, ob ein Video gelöscht wird. Die Frage ist: Wie gehen wir künftig mit dieser Art von Einflussnahme um?

Von Daniel Ivers

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