Avignon – 25.07.2026: Am letzten Tag des Festival Off von Avignon ist Benjamin Tholozans "Parler pointu" im Théâtre des Carmes André Benedetto noch einmal zu sehen. Der aus Südfrankreich stammende Schauspieler macht aus seiner sprachlichen Entwurzelung einen komischen und nachdenklichen Theaterabend. Es geht um einen Akzent, der verschwand, als Paris zum Ausbildungsort und das vermeintlich korrekte Französisch zur beruflichen Eintrittskarte wurde.
"Parler pointu" lässt sich im Süden Frankreichs ungefähr mit spitzem Sprechen übersetzen. Gemeint ist der Klang, den viele Menschen südlich von Valence mit Paris, den Medien und gesellschaftlicher Autorität verbinden. Tholozan eignete sich diesen Ton als junger Schauspieler an, bis von seiner Herkunft in der Stimme kaum etwas übrig blieb. Die behauptete Neutralität dieses Französisch erweist sich auf der Bühne als ein sozialer Code.
Gemeinsam mit der Regisseurin und Dramaturgin Hélène François entwickelt Tholozan daraus eine Familiengeschichte, eine Vorlesung über Sprachpolitik und ein Spiel mit wechselnden Rollen. Er lässt Verwandte, Könige, Kirchenmänner und Vertreter eines normierenden Bildungswesens auftreten, ohne den Abend in eine historische Schulstunde zu verwandeln. Der Witz dient dabei nicht als Verzierung. Er macht die Scham und die Zumutungen hörbar, die sich mit einer Stimme verbinden können.
Ein Ausgangspunkt ist die Beerdigung seines Großvaters. Tholozan las dort ein okzitanisches Gedicht und bemerkte, wie fremd sein Sprechen den Menschen aus seiner Familie geworden war. Diese kleine, schmerzliche Szene gibt dem Stück seine besondere Temperatur. Sie handelt weniger von der romantischen Rückkehr zu einer verlorenen Mundart als von der Frage, was Anpassung mit Erinnerungen und Beziehungen anrichtet.
Der Begriff Glottophobie bezeichnet die Abwertung von Menschen wegen ihrer Aussprache, ihrer Sprache oder ihres Akzents. In Frankreich berührt er eine lange Geschichte sprachlicher Zentralisierung, in deren Verlauf regionale Sprachen und Ausdrucksweisen an Schulen zurückgedrängt wurden. "Parler pointu" macht daraus kein kulturkämpferisches Pamphlet. Das Stück behandelt Sprache als Ausdruck von Zärtlichkeit und Herkunft, aber ebenso als Klassenmerkmal und berufliches Werkzeug.
Im Théâtre des Carmes erscheint diese Geschichte als bewegliche Mischung aus Erzähltheater, Kabarett und dokumentarischer Recherche. Tholozan verkörpert seine Figuren mit Lust an der Überzeichnung, ohne die eigene Verletzlichkeit zu verbergen. So gerät der Abend nicht zur Abrechnung mit Paris. Er untersucht vielmehr jene Regeln, die festlegen, welche Stimme als gebildet, glaubwürdig oder sendefähig gilt.
Die Avignon-Serie lief vom 4. bis 25. Juli 2026 im Festival Off. Nach rund 85 Minuten steht ein Akzent als akustisches Archiv im Raum: In ihm sind Familiengeschichten, Wanderungen und sozialer Aufstieg aufgehoben, aber auch der Preis einer Anpassung, die selbst Vertrautes fremd werden lässt.
Quellen
- Franceinfo
- Le Journal La Terrasse
- Festival Off Avignon
- La Loge
Artikel mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt (Transparenzhinweis im Sinne von Artikel 50 der Verordnung (EU) 2024/1689 – EU AI Act).